Hotelrestaurants erleben einen Aufschwung: Immer mehr Gäste besuchen die Gastronomie eines Hotels, ohne dort zu übernachten. Für unabhängige Gastronomen ist das eine Herausforderung - aber auch eine Chance. Wer versteht, warum Hotelrestaurants plötzlich attraktiv sind, kann eigene Strategien entwickeln, um neue Gäste zu gewinnen.
Hotelrestaurants erleben einen Aufschwung: Was bedeutet das für unabhängige Gastronomen?
Die Zeiten, in denen Hotelrestaurants als staubige Notlösung für Übernachtungsgäste galten, sind offenbar vorbei. Eine von OpenTable in Auftrag gegebene Verbraucherumfrage zeigt: 91 % der Deutschen waren bereits in einem Hotelrestaurant essen, ohne dort zu übernachten [3]. Fast ein Drittel der Befragten - 32 % - hat sogar schon einmal gezielt ein Hotel wegen seines Restaurants gebucht [3]. Das ist ein bemerkenswerter Wandel, denn lange Zeit galt die Hotelgastronomie als behäbig, uninspiriert und vor allem als etwas für Menschen, die gerade keine andere Wahl hatten.
Für unabhängige Gastronomen ist dieser Trend eine Zäsur. Plötzlich konkurrieren sie nicht mehr nur mit anderen Restaurants um die Gunst der Gäste, sondern auch mit Hotelrestaurants, die sich zunehmend als eigenständige Genussadressen positionieren. Die Zahlen belegen das wachsende Interesse: Die Zahl der Restaurantbesuche in Hotelrestaurants nahm gegenüber dem Vorjahreszeitraum bei Inlandsreisenden um zwölf Prozent zu, bei internationalen Reisenden lag das Plus sogar bei 42 % [3].
Doch wer jetzt in Panik verfällt, übersieht das eigentliche Potenzial. Denn der Hotelrestaurant-Boom ist kein Nullsummenspiel. Er zeigt vielmehr, dass Gäste bereit sind, für ein besonderes Erlebnis den Weg zu suchen - und das ist eine Chance für alle, die etwas Besonderes bieten. Die Frage ist nicht, ob Hotelrestaurants den unabhängigen Gastronomen schaden, sondern wie unabhängige Gastronomen von diesem gesteigerten Interesse an hochwertiger Gastronomie profitieren können.
Warum Hotelrestaurants plötzlich attraktiv sind: Die Gründe hinter dem Trend
Um den Trend zu verstehen, lohnt ein Blick auf die zugrunde liegenden Entwicklungen. Die Gastronomiebranche hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Im Jahr 2023 konnte die Gastronomiebranche einen Rekordwert erreichen: Nach vorläufigen Berechnungen von Circana gaben die Gäste im Außer-Haus-Markt voraussichtlich 84,5 Milliarden Euro aus, 11 Prozent mehr als im Vorjahr und 2 Prozent mehr als 2019 [2]. Der Ausgabenanstieg ist den Marktforschern zufolge vor allem auf höhere Durchschnittsausgaben der Gäste zurückzuführen [2].
Das bedeutet: Die Menschen geben mehr Geld aus, wenn sie außer Haus essen - aber sie erwarten auch mehr dafür. Steigende Preise führen dazu, dass knapp die Hälfte der Befragten seltener außer Haus isst [4]. Wer auswärts isst, will also ein Erlebnis, das den Preis rechtfertigt. Hotelrestaurants haben hier einen strukturellen Vorteil: Sie können auf die Ressourcen eines ganzen Hauses zurückgreifen, von der Küchenmannschaft bis zum Marketingbudget.
Gleichzeitig hat sich die Wahrnehmung von Hotelrestaurants grundlegend gewandelt: 55 % der Befragten betrachten Hotelrestaurants inzwischen als Orte, die nicht ausschließlich Hotelgästen vorbehalten sind [3]. Und 42 % der deutschen Reisenden haben sich bereits aufgrund der örtlichen Gastronomie oder Restaurantszene für ein Reiseziel entschieden [3]. Das zeigt: Gastronomie ist längst ein entscheidender Faktor für den Tourismus geworden - und Hotelrestaurants profitieren davon.
Die Konkurrenz schärft das Profil: Warum unabhängige Gastronomen jetzt gefragt sind
Es klingt paradox, aber die aufstrebenden Hotelrestaurants sind für unabhängige Gastronomen auch ein Geschenk. Denn sie heben die Messlatte für alle an - und das zwingt zu mehr Profil. In einer Umgebung, in der Hotelrestaurants mit professionellem Marketing und großen Budgets um Gäste werben, können unabhängige Gastronomen nicht mehr nur auf ihre Karte vertrauen. Sie müssen zeigen, was sie besonders macht.
Das kann eine persönliche Note sein, ein besonderes Konzept oder eine emotionale Bindung zu den Gästen. Die repräsentative Befragung des Bayerischen Zentrums für Tourismus (BZT) unter 2.028 Personen zeigt, was den Menschen beim Essen außer Haus wichtig ist: Die Top 3 der Auswahlkriterien sind das Preis-Leistungs-Verhältnis (65 Prozent), Gemütlichkeit und Ambiente (52 Prozent) sowie die Art/Nationalität der Speisen (39 Prozent) [4]. Klassische Restaurants werden über alle Altersklassen hinweg bevorzugt (64 Prozent), gefolgt von Fast-Food-Restaurants (33 Prozent) und Gaststätten (28 Prozent) [4].
Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist also der wichtigste Faktor - nicht der niedrigste Preis, sondern das Gefühl, für sein Geld etwas Angemessenes zu bekommen. Hotelrestaurants haben oft hohe Fixkosten und müssen entsprechend kalkulieren. Unabhängige Gastronomen können hier flexibler reagieren, ihre Karte anpassen und auf regionale Besonderheiten setzen. Die Chance liegt in der Agilität.
Der Tourismus-Boom als Rückenwind: Warum Deutschland als Reiseziel profitiert
Ein weiterer Faktor spielt unabhängigen Gastronomen in die Hände: der anhaltende Tourismus-Boom in Deutschland. Deutschland ist mit über 30 Millionen Übernachtungsgästen im Jahr eines der meistbesuchten Länder der Erde [1]. Im Travel and Tourism Competitiveness Report 2017 des World Economic Forum belegt Deutschland Platz 3 von 136 Ländern [1]. Und die Entwicklung setzt sich fort: Mit 59,0 Millionen Übernachtungen wurde im August 2024 ein neuer Rekord an Gästeübernachtungen erreicht [1]. Im Jahr 2025 stieg die Zahl der Gästeübernachtungen auf insgesamt 497,5 Millionen - ein Zuwachs von 0,3 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Rekordjahr 2024 [9].
Diese Zahlen zeigen: Der Tourismus ist ein verlässlicher Motor für die Gastronomie. Wer in einer touristisch attraktiven Region liegt, profitiert von diesem Rückenwind - auch wenn die Konkurrenz durch Hotelrestaurants wächst. Der Schlüssel liegt darin, die eigenen Stärken zu betonen und die Gäste zu erreichen, die ohnehin unterwegs sind. Denn Touristen suchen nicht nur ein Bett, sondern auch ein kulinarisches Erlebnis. Und sie sind bereit, dafür den Weg zu suchen.
Der reale Umsatzdruck: Warum Preisstrategien allein nicht reichen
Gleichzeitig sollten unabhängige Gastronomen die Realität nicht ausblenden: Der Branchenumsatz liegt real betrachtet unter dem Niveau von 2019. Der reale, inflationsbereinigte Branchenumsatz liegt im Schnitt 15,1 % unter 2019 [10]. Weniger Gäste und geringere reale Ausgabebereitschaft treffen die Erlösseite direkt [10]. Das bedeutet: Es reicht nicht, einfach auf den Tourismus-Boom zu hoffen. Es braucht eine klare Strategie, um Gäste zu gewinnen und zu binden.
Die gute Nachricht: Es gibt Wege, die auch ohne großes Budget funktionieren. Analysen von über 1.000 Gastronomiebetrieben verschiedener Größen zeigen: Restaurants, die ihre lokale Online-Sichtbarkeit systematisch optimieren, verzeichnen durchschnittlich 25% mehr Website-Besuche und 15% mehr Reservierungen [7]. Besonders effektiv ist die Kombination aus gepflegtem Google-Profil und einer ansprechenden Website [7]. Das ist keine Raketenwissenschaft, aber es erfordert Konsequenz.
Die eigene Geschichte erzählen: Warum Authentizität das stärkste Argument ist
Hotelrestaurants haben Budgets, Teams und Marketingabteilungen - aber sie haben selten eine Geschichte, die nur sie erzählen können. Unabhängige Gastronomen haben das: ihre eigene Geschichte, ihre eigene Küche, ihre eigene Art, Gäste zu empfangen. Das ist ein Pfund, mit dem sie wuchern können.
Die Umfrage des BZT zeigt, dass Gemütlichkeit und Ambiente für 52 Prozent der Befragten ein entscheidendes Auswahlkriterium sind [4]. Das ist ein Wert, den unabhängige Gastronomen authentisch verkörpern können - oft besser als jedes Hotelrestaurant. Wer eine persönliche Atmosphäre schafft, in der sich Gäste wohlfühlen, hat einen Vorteil, der sich nicht mit Geld kaufen lässt.
Das bedeutet konkret: Erzählen Sie die Geschichte Ihres Restaurants. Warum gibt es dieses Gericht auf der Karte? Woher kommen die Zutaten? Was macht Ihre Küche besonders? Diese Fragen interessieren Gäste - und sie schaffen eine Bindung, die über den einzelnen Besuch hinausgeht. In einer Zeit, in der viele Menschen nach Authentizität suchen, ist das ein starkes Argument.
Kooperation statt Konfrontation: Wie unabhängige Gastronomen vom Hotelrestaurant-Trend profitieren können
Der Hotelrestaurant-Boom muss nicht als Bedrohung gesehen werden. Er kann auch als Einladung zur Kooperation verstanden werden. Viele Hotelgäste suchen nicht jeden Abend das Hotelrestaurant auf - sie wollen die Umgebung erkunden, etwas Lokales erleben. Hier können unabhängige Gastronomen ansetzen.
Eine Möglichkeit ist die Zusammenarbeit mit Hotels in der Nähe: Empfehlungen, Gutscheine für Hotelgäste oder gemeinsame Veranstaltungen. Das erfordert Mut und Offenheit, kann aber neue Gästegruppen erschließen. Die 42 % der Reisenden, die sich wegen der Gastronomie für ein Reiseziel entscheiden [3], sind potenzielle Gäste für alle Restaurants in der Region - nicht nur für die Hotelrestaurants.
Entscheidend ist, die eigene Position klar zu definieren. Wer versucht, mit einem Hotelrestaurant auf dessen Terrain zu konkurrieren, verliert. Wer aber seine eigenen Stärken betont - die persönliche Note, die regionale Küche, das besondere Ambiente -, kann von dem gesteigerten Interesse an hochwertiger Gastronomie profitieren. Der Aufschwung der Hotelrestaurants ist ein Signal: Die Menschen sind bereit, für gutes Essen den Weg zu suchen. Das gilt auch für unabhängige Restaurants.
Die Rolle der Nachhaltigkeit: Ein Trend, der unabhängige Gastronomen stärkt
Ein weiterer Trend spielt unabhängigen Gastronomen in die Hände: das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Für 67% der Gastronomen ist Nachhaltigkeit zentral oder wichtig [6]. Außerdem berichten 62% von einer gestiegenen Nachfrage der Gäste nach nachhaltigen Produkten und Verarbeitung [6]. Das ist eine Chance für alle, die regionale Zutaten verwenden, saisonal kochen und transparent wirtschaften.
Hotelrestaurants haben oft große Lieferketten und standardisierte Prozesse. Unabhängige Gastronomen können hier flexibler reagieren, direkt von regionalen Erzeugern einkaufen und ihre Lieferketten transparent machen. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch ein starkes Marketingargument. Gäste, die Wert auf Nachhaltigkeit legen, suchen genau solche Betriebe - und sie sind bereit, dafür zu zahlen.
Praktische Schritte: So positionieren Sie sich gegen den Hotelrestaurant-Trend
Was bedeutet das alles für die Praxis? Zunächst: Keine Panik. Der Hotelrestaurant-Boom ist kein Grund, das eigene Konzept über den Haufen zu werfen. Aber er ist ein Anlass, die eigenen Stärken zu schärfen und sichtbarer zu machen. Die folgenden Schritte helfen dabei.
Erstens: Analysieren Sie Ihre Positionierung. Was macht Ihr Restaurant besonders? Warum sollten Gäste zu Ihnen kommen statt ins Hotelrestaurant? Die Antwort sollte nicht nur aus Gerichten bestehen, sondern aus einer Geschichte, einer Atmosphäre, einem Erlebnis. Gemütlichkeit und Ambiente sind für 52 Prozent der Gäste entscheidend [4] - machen Sie daraus Ihr Markenzeichen.
Zweitens: Optimieren Sie Ihre lokale Online-Sichtbarkeit. Die Zahlen sind eindeutig: 25% mehr Website-Besuche und 15% mehr Reservierungen sind möglich [7]. Ein gepflegtes Google-Profil, aktuelle Öffnungszeiten, ansprechende Fotos - das ist die Basis. Dazu kommen Bewertungen, die Sie ernst nehmen und auf die Sie reagieren.
Drittens: Nutzen Sie den Tourismus-Boom. Wenn Sie in einer touristischen Region liegen, sprechen Sie gezielt Reisende an. Bieten Sie etwas an, das Touristen suchen: regionale Küche, lokale Produkte, ein authentisches Erlebnis. Die 42 % der Reisenden, die sich wegen der Gastronomie für ein Reiseziel entscheiden [3], sind Ihre potenziellen Gäste.
Die Zukunft gehört den Profilen: Warum klare Kanten wichtiger sind als große Budgets
Der Aufschwung der Hotelrestaurants ist ein Spiegelbild der gesamten Branche: Die Gäste suchen nach Erlebnissen, nach Besonderem, nach Profil. Wer diese Erwartung erfüllt, hat gute Chancen - unabhängig von der Größe des Betriebs. Das zeigen auch die Top-100-Player der Systemgastronomie, die 2024 mit 20.754 Betrieben ein Nettoumsatzvolumen von 17,36 Milliarden Euro erwirtschafteten [2] - sie setzen auf Standardisierung. Unabhängige Gastronomen können das Gegenteil bieten: Individualität.
Die Zukunft gehört den Betrieben, die eine klare Kante haben, eine Geschichte erzählen und ihre Gäste emotional erreichen. Das ist keine Frage des Budgets, sondern der Haltung. Hotelrestaurants haben den Markt aufgemischt - aber sie haben auch gezeigt, dass die Menschen bereit sind, für besondere Erlebnisse zu zahlen. Das ist die Chance für alle, die etwas Besonderes bieten.
Fazit
Der Aufschwung der Hotelrestaurants ist kein Grund zur Sorge, sondern ein Weckruf. Er zeigt, dass Gäste bereit sind, für ein besonderes Erlebnis den Weg zu suchen - und dass Gastronomie längst ein entscheidender Faktor für den Tourismus ist. Unabhängige Gastronomen können von diesem Trend profitieren, wenn sie ihre eigenen Stärken betonen: Authentizität, regionale Küche, persönliche Atmosphäre. Die Zahlen sind eindeutig: Gemütlichkeit und Ambiente sind für 52 Prozent der Gäste entscheidend [4], und 42 % der Reisenden wählen ihr Reiseziel wegen der Gastronomie [3]. Wer diese Erwartungen erfüllt, hat gute Chancen - auch gegen die Konkurrenz aus den Hotels. Entscheidend ist nicht das Budget, sondern das Profil.