Die Digitalisierung in Arztpraxen kommt voran - aber nicht überall gleich schnell. Viele Praxen stecken fest, obwohl sie vorankommen wollen. Die Gründe sind fast immer dieselben: fehlende Schnittstellen, zu viel Bürokratie, unklare Zuständigkeiten. Und das, obwohl 81 Prozent der Ärztinnen und Ärzte die Digitalisierung als Chance sehen [3]. Gleichzeitig finden 70 Prozent der Patientinnen und Patienten, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen zu langsam vorankommt [4]. Dieser Artikel zeigt die zehn häufigsten Bremsen - und wie Sie sie lösen können.

1. Die Bürokratie-Bremse: Zu viele Vorgaben, zu wenig Spielraum

Die größte Bremse der Digitalisierung in der Arztpraxis ist nicht die Technik, sondern die Bürokratie. Das klingt paradox, ist aber die Realität: Während Praxen digitale Lösungen einführen sollen, werden sie gleichzeitig mit immer neuen bürokratischen Auflagen überhäuft. Das Ergebnis ist eine Lähmung. Statt sich um die Optimierung von Abläufen zu kümmern, kämpfen Praxen mit Formularen, Genehmigungen und Abrechnungsvorschriften. Genau das benennen die befragten Fachkräfte im Digital Health Report als größten Bremsklotz: Bürokratie, fehlende Schnittstellen, unklare Zuständigkeiten und nicht miteinander kommunizierende Systeme [4].

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Hausarztpraxis will die Online-Terminbuchung einführen. Dafür braucht sie nicht nur die Software, sondern muss auch die Datenschutz-Folgenabschätzung durchführen, die Praxissoftware anbinden und sicherstellen, dass die Telematikinfrastruktur mitspielt. Allein diese Schritte können Wochen oder Monate dauern. Und dann stellt sich heraus, dass die Terminbuchungs-Plattform nicht mit dem Praxisverwaltungssystem kompatibel ist. Die Lösung liegt im vorausschauenden Planen: Fragen Sie vor der Anschaffung einer digitalen Lösung immer, ob sie mit Ihrer bestehenden Infrastruktur kompatibel ist. Holen Sie Angebote von mehreren Anbietern ein und lassen Sie sich Referenzpraxen nennen. Und vor allem: Nehmen Sie sich die Zeit, die Bürokratie einmalig zu bewältigen - danach läuft das System von allein.

2. Die Schnittstellen-Bremse: Systeme, die nicht miteinander reden

Ein weiterer zentraler Bremsklotz ist das Fehlen funktionierender Schnittstellen zwischen den verschiedenen Systemen im Gesundheitswesen. Praxisverwaltungssystem, Klinikinformationssystem, Abrechnungssoftware, Terminbuchungs-Plattform - viele dieser Systeme kommunizieren nicht oder nur unzureichend miteinander. Das führt zu Medienbrüchen, Doppeleingaben und Frust. Besonders deutlich wird das an der ambulant-stationären Grenze: Lediglich 12 Prozent der Arztpraxen kommunizieren komplett oder mehrheitlich digital mit Krankenhäusern, obwohl sich Praxen dies wünschen [5].

Stellen Sie sich vor, Sie überweisen einen Patienten ins Krankenhaus. Der Befundbericht wird ausgedruckt, gefaxt oder per Post verschickt. Das Krankenhaus scannt ihn ein, speichert ihn im eigenen System. Wenn der Patient zurückkommt, müssen Sie den Entlassungsbrief wiederum manuell erfassen. Das ist nicht nur ineffizient, sondern auch fehleranfällig. Die Lösung: Setzen Sie auf Systeme, die nachweislich Schnittstellen zu anderen Systemen bieten. Fragen Sie beim Kauf neuer Software immer nach dem KIM-Dienst (Kommunikation im Medizinwesen) und der Anbindung an die Telematikinfrastruktur. Und scheuen Sie sich nicht, Druck auf Ihre Softwareanbieter auszuüben - fordern Sie offene Schnittstellen ein.

3. Die Team-Bremse: Das Personal ist nicht mit an Bord

Digitalisierung scheitert nicht an der Technik, sondern am Menschen. Das ist eine alte Weisheit, die auch für Arztpraxen gilt. Wenn das Praxisteam nicht hinter den digitalen Veränderungen steht, werden sie scheitern. Die Gründe sind vielfältig: Angst vor Komplexität, Sorge um den Arbeitsplatz, Gewohnheit oder schlicht fehlende Schulung. Dabei ist das Praxispersonal der entscheidende Faktor für den Erfolg der Digitalisierung. Ein Drittel der Fachkräfte sieht digitale Lösungen sogar als wichtigen Baustein zur Bewältigung bestehender Systemprobleme [4].

Die Lösung liegt in der Kommunikation und der Einbindung. Beziehen Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Anfang an in den Digitalisierungsprozess ein. Fragen Sie sie, wo sie den größten Handlungsbedarf sehen. Lassen Sie sie die neue Software testen, bevor Sie sie kaufen. Bieten Sie regelmäßige Schulungen an - und zwar nicht nur einmal, sondern als fortlaufenden Prozess. Machen Sie deutlich, dass Digitalisierung nicht bedeutet, dass Arbeitsplätze wegfallen, sondern dass sich die Arbeit verändert: weg von lästigen Routinetätigkeiten, hin zu mehr Zeit für die Patienten. Der Zeitgewinn durch Digitalisierung und KI-Assistenten kann pro Praxis zwischen 10 und 20 Stunden pro Woche betragen - das sind über eine Million zusätzliche Patientenstunden wöchentlich in Deutschland [7].

4. Die Kosten-Bremse: Investitionen, die sich nicht sofort rechnen

Viele Praxen zögern bei Digitalisierungsinvestitionen, weil sie die Kosten scheuen. Eine neue Praxissoftware, die Anbindung an die Telematikinfrastruktur, die Einführung eines Online-Terminbuchungssystems - all das kostet Geld. Und zwar nicht nur einmalig, sondern auch laufend. Hinzu kommen Schulungskosten und der Zeitaufwand für die Einführung. Das ist verständlich, aber kurzsichtig. Denn die Kosten des Nicht-Handelns sind oft höher. Eine Praxis, die nicht digitalisiert, verliert Patienten an die Konkurrenz, bindet unnötig Personal und arbeitet ineffizient.

Die gute Nachricht: Sie müssen nicht alles auf einmal machen. Starten Sie mit einer kleinen, überschaubaren Investition, die sich schnell rechnet. Das könnte die Einführung der Online-Terminbuchung sein, die Ihre Telefonzeiten entlastet und Ihren Patienten einen besseren Service bietet. Oder die Einführung eines digitalen Anmeldesystems, das Ihre MFA entlastet. Rechnen Sie den Return on Investment aus: Wie viel Zeit sparen Sie pro Woche? Wie viele zusätzliche Patienten können Sie behandeln? Wie viele Neupatienten gewinnen Sie durch die bessere Online-Sichtbarkeit? Oft rechnet sich die Investition innerhalb weniger Monate. 79 Prozent der Ärztinnen und Ärzte bewerten digitale Anwendungen als hilfreich für die Versorgung [4].

5. Die Datenschutz-Bremse: Angst vor Fehlern und Abmahnungen

Datenschutz ist wichtig - keine Frage. Aber in vielen Praxen führt die Angst vor Datenschutzverstößen zu einer regelrechten Lähmung. Neue digitale Lösungen werden nicht eingeführt, weil man befürchtet, gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu verstoßen. Dabei ist die Realität oft anders: Viele der vermeintlichen Datenschutz-Hürden sind gar nicht so hoch, wie sie scheinen. Die meisten gängigen Praxissoftware-Lösungen sind DSGVO-konform, und auch Online-Terminbuchungs-Plattformen erfüllen die Anforderungen.

Das Problem ist oft die Unsicherheit im Team. Niemand will derjenige sein, der einen Datenschutzverstoß verursacht. Die Lösung: Holen Sie sich professionelle Unterstützung. Ihr Datenschutzbeauftragter kann Ihnen helfen, die Anforderungen zu verstehen und umzusetzen. Lassen Sie sich schriftlich bestätigen, dass eine bestimmte Software oder Plattform DSGVO-konform ist. Schulen Sie Ihr Team regelmäßig im Datenschutz - nicht als lästige Pflicht, sondern als praktische Anleitung. Und vor allem: Verlieren Sie nicht den Mut. Ein datenschutzkonformer Digitalisierungsschritt ist besser als gar kein Schritt.

6. Die Zeit-Bremse: Keine Zeit für die Einführung

Der häufigste Einwand gegen Digitalisierung in der Arztpraxis ist: „Dafür haben wir keine Zeit.“ Und das ist auch nachvollziehbar. Der Praxisalltag ist hektisch, die Patienten warten, die Abrechnung drängt. Da bleibt kaum Zeit, sich mit neuen Softwarelösungen zu beschäftigen, Schulungen zu besuchen oder Prozesse umzustellen. Aber dieser Einwand ist ein Teufelskreis: Weil Sie keine Zeit für die Digitalisierung haben, bleiben Sie ineffizient - und haben deshalb noch weniger Zeit.

Die Lösung ist ein schrittweises Vorgehen. Digitalisieren Sie nicht alles auf einmal, sondern starten Sie mit einem Bereich, der Ihnen am meisten Zeit raubt. Das könnte die Terminvergabe sein, die Dokumentation oder die Abrechnung. Führen Sie die neue Lösung zunächst parallel zum alten System ein, bis sich Ihr Team sicher fühlt. Planen Sie feste Zeitfenster für die Einführung ein - zum Beispiel einen halben Tag pro Woche, an dem das Team geschlossen an der Digitalisierung arbeitet. Und nutzen Sie die Zeit, die Sie durch die Digitalisierung gewinnen, gleich für den nächsten Schritt. 81 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sehen die Digitalisierung als Chance [3]. Nutzen Sie diese Chance - Schritt für Schritt.

7. Die Strategie-Bremse: Kein Plan, kein Ziel

Viele Praxen digitalisieren nach dem Gießkannenprinzip. Sie kaufen eine Software, weil der Vertreter sie überzeugt hat. Sie führen ein Online-Terminbuchungssystem ein, weil die Praxis nebenan es auch hat. Sie testen eine KI-Lösung, weil ein Kollege davon schwärmt. Aber es gibt keinen übergeordneten Plan, keine Strategie. Die Folge: Die digitalen Insellösungen passen nicht zusammen, die Prozesse werden nicht wirklich optimiert, und das Team ist frustriert.

Die Lösung: Entwickeln Sie eine Digitalisierungsstrategie für Ihre Praxis. Fragen Sie sich: Was wollen wir mit der Digitalisierung erreichen? Mehr Effizienz? Bessere Patientenversorgung? Mehr Neupatienten? Weniger Bürokratie? Definieren Sie konkrete Ziele und legen Sie fest, in welcher Reihenfolge Sie diese erreichen wollen. Erstellen Sie einen Zeitplan und ein Budget. Und vor allem: Überprüfen Sie regelmäßig, ob Sie Ihre Ziele erreichen. Nur so wird aus der Digitalisierung ein Erfolg. 76 Prozent der Ärztinnen und Ärzte halten die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens für zu langsam [3]. Mit einer klaren Strategie können Sie das Tempo in Ihrer Praxis selbst bestimmen.

8. Die Technik-Bremse: Veraltete Hardware und Software

Digitalisierung setzt funktionierende Technik voraus. Klingt banal, ist aber in vielen Praxen ein echtes Problem. Veraltete Computer, langsame Internetverbindungen, nicht mehr unterstützte Betriebssysteme - das sind die realen Hürden, an denen Digitalisierungsprojekte scheitern. Eine Praxis, die noch mit Windows 7 arbeitet, kann keine moderne Cloud-Lösung nutzen. Ein Praxisverwaltungssystem, das nicht an die Telematikinfrastruktur angebunden ist, blockiert die gesamte digitale Kommunikation.

Die Lösung: Investieren Sie in eine solide technische Basis. Das bedeutet: schnelles Internet (mindestens 50 Mbit/s), moderne Computer (maximal drei Jahre alt), aktuelle Betriebssysteme und eine zuverlässige Praxissoftware. Lassen Sie Ihre IT-Infrastruktur regelmäßig von einem Fachmann überprüfen und aktualisieren. Das kostet Geld, ist aber die Grundvoraussetzung für jede Digitalisierung. Und denken Sie daran: Die Technik ist nicht das Ziel, sondern das Mittel. Sie soll Ihnen helfen, besser und effizienter zu arbeiten.

9. Die Kommunikations-Bremse: Kein Austausch mit anderen Praxen

Digitalisierung ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Und wie bei jedem Marathon ist es hilfreich, sich mit anderen Läufern auszutauschen. Viele Praxen machen den Fehler, ihre Digitalisierungsprojekte im stillen Kämmerlein durchzuführen. Sie tauschen sich nicht mit anderen Praxen aus, besuchen keine Fortbildungen und lesen keine Fachartikel. Die Folge: Sie machen die gleichen Fehler, die andere schon gemacht haben, und verpassen Chancen, die andere bereits nutzen.

Die Lösung: Vernetzen Sie sich. Treten Sie einem Qualitätszirkel bei, der sich mit Digitalisierung beschäftigt. Besuchen Sie Kongresse und Fortbildungen. Lesen Sie Fachzeitschriften und Online-Magazine wie dieses hier. Tauschen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen aus, die bereits digitalisiert haben. Fragen Sie sie, was gut gelaufen ist und was sie anders machen würden. Und teilen Sie Ihre eigenen Erfahrungen. So profitieren alle voneinander. 79 Prozent der Ärztinnen und Ärzte bewerten digitale Anwendungen als hilfreich für die Versorgung [4]. Nutzen Sie dieses Wissen und diese Erfahrung.

10. Die KI-Bremse: Angst vor der künstlichen Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI) ist das große Thema der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Drei Viertel der deutschen Ärztinnen und Ärzte sehen in KI eine riesige Chance für die Medizin [3]. Bereits 12 Prozent geben an, dass bei ihnen KI zur Unterstützung der Diagnosestellung eingesetzt wird [3]. Und sieben von zehn Ärzten sehen bereits heute einen konkreten Nutzen von KI für mehr Effizienz, bessere Abläufe oder eine höhere Versorgungsqualität [9]. Trotzdem zögern viele Praxen, KI-Lösungen einzusetzen. Die Gründe sind vielfältig: Unkenntnis, Skepsis, Angst vor Haftungsfragen.

Die Lösung: Informieren Sie sich. KI in der Arztpraxis ist kein Science-Fiction, sondern Realität. Es gibt bereits zahlreiche Anwendungen, die den Praxisalltag erleichtern: KI-gestützte Terminbuchung, automatische Dokumentation, Unterstützung bei der Diagnosestellung, Analyse von Bilddaten. Starten Sie mit einer kleinen, überschaubaren Anwendung, die Ihnen sofort einen Mehrwert bietet. Das könnte ein KI-Assistent für die Terminbuchung sein, der Ihre Telefonzeiten entlastet. Oder ein Tool, das Ihre Dokumentation automatisiert. Der Zeitgewinn kann enorm sein: Zwischen 10 und 20 Stunden pro Woche pro Praxis [7]. Das ist Zeit, die Sie in Ihre Patienten investieren können.

Fazit: Die Digitalisierung wartet nicht - handeln Sie jetzt

Die zehn Bremsen, die wir hier beschrieben haben, sind keine unüberwindbaren Hindernisse. Sie sind Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Und die gute Nachricht ist: Sie sind nicht allein. Viele Praxen haben diese Hürden bereits genommen und arbeiten heute effizienter, patientenfreundlicher und erfolgreicher. Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug. Sie soll Ihnen helfen, Ihren Praxisalltag zu erleichtern, Ihre Patienten besser zu versorgen und Ihre Praxis zukunftsfähig zu machen.

Fangen Sie noch heute an. Wählen Sie eine der zehn Bremsen aus, die in Ihrer Praxis am stärksten wirkt, und suchen Sie nach einer Lösung. Setzen Sie sich ein konkretes Ziel, machen Sie einen Plan und legen Sie los. Und vergessen Sie nicht: Der Weg ist das Ziel. Jeder noch so kleine Digitalisierungsschritt bringt Sie weiter. 81 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sehen die Digitalisierung als Chance [3]. Nutzen Sie diese Chance - für sich, Ihr Team und Ihre Patienten.