Die Digitalisierung in deutschen Arztpraxen hat in den letzten Jahren enorm an Fahrt aufgenommen - doch der Schein trügt. Während eRezept und eArztbrief längst Standard sind, lauern die eigentlichen Probleme an ganz anderen Stellen. Dieser Artikel zeigt die zehn versteckten Baustellen, die Ihre Praxis ausbremsen, und wie Sie sie systematisch angehen.
1.Die trügerische Sicherheit der eigenen Digitalisierung
Wenn Sie in Ihrer Praxis eRezept und eAU nutzen, gehört Ihre Praxis bereits zum Mainstream: Derzeit nutzen 78 Prozent der Praxen die eAU und 77 Prozent das eRezept [2]. Das klingt nach einem Erfolg - und ist es auch. Aber genau hier liegt die Gefahr: Wer diese beiden Hürden genommen hat, glaubt oft, die Digitalisierung sei abgeschlossen. Dabei sind eRezept und eAU nur die Einstiegsdroge, der erste Schritt auf einem viel längeren Weg.
Die eigentliche Frage lautet: Was passiert in Ihrer Praxis, wenn ein neuer Patient anruft? Wenn ein Kollege einen Befund anfordert? Wenn ein Krankenhaus einen Entlassbrief schickt? In diesen Momenten zeigt sich, ob Ihre Digitalisierung nur oberflächlich ist oder ob sie wirklich trägt. Die KBV betont, dass die Akzeptanz digitaler Anwendungen spürbar steigt, wenn sie zuverlässig laufen [2]. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn bei Ihnen noch etwas hakt, liegt es nicht an der Technik, sondern an der Integration in den Alltag.
Ein praktisches Beispiel: Eine Praxis, die das eRezept nutzt, aber für jede Rückfrage der Apotheke zum Telefon greift, hat den digitalen Bruch mitten im Arbeitsablauf. Das eRezept spart Zeit, aber die Rückfrage kostet sie wieder. Genau solche Reibungspunkte sind die versteckten Baustellen, die im Praxisalltag selten auffallen, weil sie sich über den Tag verteilen. Erst wenn man sie summiert, zeigt sich das Ausmaß.
Der erste Schritt ist deshalb eine ehrliche Bestandsaufnahme: Wo brechen Ihre digitalen Prozesse ab? Wo wird aus einem digitalen Vorgang wieder ein analoger? Diese Bruchstellen sind Ihre persönliche Baustellenliste.
2.Der eArztbrief: Meisterleistung mit blindem Fleck
Der elektronische Arztbrief ist die Erfolgsgeschichte der Praxen-Digitalisierung: 87 Prozent der Praxen nutzen ihn regelmäßig, während es 2018 nur 13 Prozent waren [2]. Das ist ein enormer Sprung in nur sieben Jahren. Doch dieser Erfolg hat einen blinden Fleck, den kaum jemand thematisiert: den Empfang.
Denn während die Praxen beim Versenden digital kommunizieren, sieht die Lage beim Empfang anders aus. Besonders der digitale Entlassbrief aus dem Krankenhaus ist noch nicht flächendeckend im Einsatz: Zwar sehen 85 Prozent der Praxen darin einen hohen Nutzen, aber nur 15 Prozent erhalten ihn tatsächlich digital [2]. Das bedeutet: Sie versenden digital, empfangen aber weiterhin Papier. Und dieses Papier muss gescannt, abgelegt und manuell in die Patientenakte übertragen werden.
Die KBV kritisiert das deutlich: Während die Praxen längst digital kommunizieren, sind Krankenhäuser noch viel zu oft im Papierzeitalter verhaftet [2]. Für Ihre Praxis bedeutet das: Sie haben es nicht selbst in der Hand, ob der Entlassbrief digital kommt. Aber Sie können Ihre internen Prozesse so gestalten, dass der analoge Eingang weniger Reibung erzeugt. Ein klarer Ablauf für den Eingang von Papierbriefen, eine feste Zuständigkeit für das Einscannen und eine Routine für die Übertragung in die Akte - das sind die Stellschrauben, die Sie drehen können.
Die Krux ist: Der eArztbrief-Ausgang ist Standard, der Eingang ist Glückssache. Wer das weiß und seine Prozesse darauf einstellt, verliert weniger Zeit und Nerven.
3.Die Fax-Falle: Wenn die Praxis digital ist, aber das Umfeld nicht
Es ist eine der größten Ironien der Praxen-Digitalisierung: Die Praxis arbeitet digital, aber für die Kommunikation mit Krankenhäusern greift sie zum Faxgerät. Das ist eine erschreckend niedrige Zahl, wenn man bedenkt, wie viel Zeit und Nerven die analoge Kommunikation kostet.
Die KBV-Vorständin Sibylle Steiner bringt es auf den Punkt: Niedergelassene müssten immer noch zum Faxgerät greifen, obwohl sie selbst in digitalen Praxen arbeiteten, um mit den Kliniken zu kommunizieren [2]. Diese Fax-Falle ist keine technische, sondern eine organisatorische Baustelle. Sie entsteht, weil beide Seiten unterschiedliche Systeme nutzen und keiner den ersten Schritt machen will.
Für Ihre Praxis bedeutet das: Sie können nicht allein die Klinik-Kommunikation digitalisieren. Aber Sie können Ihre eigenen Abläufe so gestalten, dass der Fax-Eingang weniger Unterbrechung verursacht. Zentraler Fax-Eingang statt Fax auf jedem Schreibtisch, digitale Weiterleitung statt Laufwege, klare Zuständigkeiten statt „macht mal jemand“ - das sind die Hebel.
Die Fax-Falle ist ein gutes Beispiel dafür, dass Digitalisierung nicht an der eigenen Praxisgrenze endet. Sie müssen Ihr Umfeld mitdenken - und das bedeutet oft, pragmatische Lösungen für eine nicht-digitale Umgebung zu finden.
4.Die ePA: Große Hoffnung, gemischte Resonanz
Die elektronische Patientenakte (ePA) ist das Prestigeprojekt der Digitalisierung im Gesundheitswesen - und gleichzeitig eine der größten Baustellen. Die Resonanz in den Praxen ist gemischt: Zwar werden einzelne Funktionen wie die Medikationsliste positiv bewertet, doch viele Praxen beklagen hohen Aufwand und technische Probleme [3].
Das ist ein klassisches Digitalisierungs-Dilemma: Die Technik verspricht viel, aber der Aufwand für die Einführung und den laufenden Betrieb ist hoch. Und wenn die Technik dann noch nicht zuverlässig läuft, sinkt die Akzeptanz - ein Muster, das sich durch die gesamte Digitalisierung zieht. Die KBV betont, dass die Akzeptanz digitaler Anwendungen spürbar steigt, wenn sie zuverlässig laufen [2]. Bei der ePA ist das offenbar noch nicht überall der Fall.
Für Ihre Praxis bedeutet das: Die ePA ist kein Selbstläufer. Sie brauchen klare interne Abläufe, wer wann welche Daten einträgt, wie mit technischen Problemen umgegangen wird und wie das Team geschult wird. Die ePA ist kein Projekt, das man einmal einrichtet und dann vergisst - sie ist ein laufender Prozess.
Die gute Nachricht: Sie müssen nicht alle Funktionen der ePA sofort nutzen. Fangen Sie mit den Bereichen an, die für Ihre Patienten den größten Nutzen haben, und erweitern Sie schrittweise. Das reduziert den Aufwand und steigert die Akzeptanz im Team.
5.Die Kommunikations-Lücke: Digital mit Patienten, analog im Kopf
Mehr als die Hälfte der Praxen kommuniziert bereits überwiegend digital mit Patientinnen und Patienten [3]. Das ist eine beachtliche Zahl. Doch sie verdeckt ein tieferliegendes Problem: Die digitale Kommunikation ist oft nur ein Kanal neben vielen - und nicht das durchdachte System, das sie sein sollte.
Viele Praxen haben eine Terminerinnerung per SMS, bieten aber keine Online-Terminbuchung an. Oder sie verschicken Befunde per E-Mail, aber die Patienten müssen für Rückfragen anrufen. Diese Mischung aus digital und analog schafft Reibung - für die Praxis und für die Patienten. Und sie erzeugt den Eindruck, dass die Praxis nicht wirklich digital ist, sondern nur einzelne digitale Elemente nutzt.
Die Lösung ist nicht, alles auf einmal digital zu machen, sondern die Kommunikation aus Patientensicht zu denken: Wo unterbreche ich den Patienten? Wo zwinge ich ihn zu einem Medium, das er nicht nutzen will? Wo entstehen Rückfragen, die ich durch bessere digitale Kommunikation vermeiden könnte?
Ein konkretes Beispiel: Wenn Sie Befunde per E-Mail verschicken, sollten Sie auch eine digitale Rückfrage-Möglichkeit anbieten. Sonst entsteht der klassische Bruch: E-Mail rein, Telefon raus. Und das Telefon ist genau das Medium, das Sie mit der Digitalisierung eigentlich entlasten wollten.
6.Der Zeitgewinn, der keiner ist: Digitalisierung als Zeitfresser
Digitalisierung soll Zeit sparen - das ist das große Versprechen. Und tatsächlich zeigen Studien, dass digitale Anwendungen und KI-Assistenten ein enormes Potenzial haben: Sie können pro Praxis und Woche einen Zeitgewinn von 10 bis 20 Stunden bringen [10]. Das entspricht über einer Million zusätzlicher Patientenstunden pro Woche in Deutschland [10].
Doch die Realität sieht oft anders aus. Statt Zeit zu sparen, frisst die Digitalisierung Zeit: Technische Probleme, Einarbeitung, Umstellung der Abläufe, doppelte Dokumentation. Der Zeitgewinn stellt sich erst ein, wenn die Systeme zuverlässig laufen und das Team sie sicher bedient. Und das dauert oft länger als gedacht.
Die Krux ist: Der Zeitgewinn ist nicht sofort sichtbar, aber der Zeitverlust durch Umstellung ist sofort spürbar. Das führt zu Frustration und zur Rückkehr zu alten Mustern - dem Fax, dem Papier, dem Telefon. Und damit ist der Zeitgewinn dahin.
Für Ihre Praxis bedeutet das: Planen Sie die Umstellungsphase realistisch ein. Rechnen Sie nicht mit sofortigem Zeitgewinn, sondern mit einer Übergangszeit, in der alles langsamer läuft. Erst wenn die neuen Abläufe sitzen, stellt sich der Zeitgewinn ein. Und der kann dann tatsächlich erheblich sein - bis zu 20 Stunden pro Woche [10].
7.Die Zufriedenheits-Falle: Wenn alles besser wird, aber keiner es merkt
Die Zufriedenheit mit eAU und eRezept ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen [3]. Das ist eine gute Nachricht - aber auch eine Falle. Denn Zufriedenheit bedeutet nicht, dass alles optimal läuft. Sie bedeutet nur, dass die Erwartungen erfüllt werden. Und die Erwartungen sind nach Jahren der Digitalisierungserfahrung realistischer geworden.
Diese Zufriedenheits-Falle ist typisch für die Digitalisierung: Man gewöhnt sich an den Status quo und merkt nicht mehr, wo es noch hakt. Das eRezept funktioniert - aber die Rückfragen der Apotheken nerven. Die eAU ist Standard - aber die Übertragung dauert manchmal. Diese kleinen Reibungspunkte werden nicht mehr als Baustellen wahrgenommen, sondern als Normalität.
Dabei sind genau diese Reibungspunkte die nächste Stufe der Digitalisierung. Wer sie ignoriert, verpasst die Chance, seine Prozesse weiter zu verbessern. Und wer sie angeht, schafft echten Mehrwert - für sich und für die Patienten.
Ein praktischer Ansatz: Führen Sie ein digitales Beschwerdebuch ein, in dem das Team alle Reibungspunkte mit digitalen Anwendungen notiert. Sie werden überrascht sein, wie viele kleine Baustellen sich ansammeln. Und jede davon ist eine Chance zur Verbesserung.
8.Der digitale Graben zwischen Wollen und Können
Der digitale Graben ist eines der am meisten unterschätzten Probleme in der Praxen-Digitalisierung. Es gibt Praxen, die digitalisieren wollen, aber nicht können - weil die Infrastruktur fehlt, weil das Team nicht mitzieht oder weil die Technik nicht zuverlässig läuft. Und es gibt Praxen, die digitalisieren könnten, aber nicht wollen - weil sie die Notwendigkeit nicht sehen oder Angst vor Veränderung haben.
Diese Kluft zwischen Wollen und Können ist eine der größten Bremsen der Digitalisierung. Sie entsteht nicht durch bösen Willen, sondern durch fehlende Unterstützung, fehlendes Wissen und fehlende Zeit. Und sie wird verstärkt durch die Komplexität der digitalen Welt: ePA, eRezept, eAU, eArztbrief, TI-Messenger - die Liste der Anwendungen ist lang und verwirrend.
Die Lösung ist nicht mehr Technik, sondern mehr Begleitung. Praxen brauchen Unterstützung bei der Einführung, Schulung für das Team und klare Ansprechpartner bei Problemen. Und sie brauchen Zeit, um die neuen Abläufe zu verinnerlichen.
Für Ihre Praxis bedeutet das: Seien Sie ehrlich, wo Ihre Grenzen liegen. Wollen Sie digitalisieren, aber das Team ist überfordert? Dann investieren Sie in Schulung. Können Sie digitalisieren, aber die Priorität liegt anderswo? Dann treffen Sie eine bewusste Entscheidung - und nicht eine bequeme.
9.Die Patienten-Perspektive: Digitalisierung als Zugangsbarriere
Die Digitalisierung hat das Potenzial, den Zugang zur Versorgung zu verbessern - aber sie kann ihn auch erschweren. 64 Prozent der Patienten haben schon einmal auf einen Arzttermin verzichtet, weil die Suche nach einer Praxis oder einem Termin zu schwierig war [5]. Das ist eine alarmierende Zahl, die zeigt: Der Zugang zur Versorgung ist ein Problem - und die Digitalisierung kann es lösen oder verschärfen.
Wenn Ihre Praxis nur per Telefon erreichbar ist, aber die Telefonzeiten knapp sind, schließen Sie Patienten aus. Wenn Ihre Website keine Online-Terminbuchung bietet, aber die Konkurrenz schon, verlieren Sie Patienten, bevor sie Sie überhaupt kennenlernen. Die Digitalisierung ist nicht nur ein Effizienzthema - sie ist ein Zugangsthema.
Der Digital Health Report 2026 macht deutlich, wie wichtig der digitale Zugang ist [5]. Patienten erwarten, dass sie online Termine finden und buchen können. Wenn das nicht klappt, suchen sie sich eine andere Praxis - oder verzichten ganz auf den Termin.
Für Ihre Praxis bedeutet das: Prüfen Sie Ihren digitalen Zugang aus Patientensicht. Wie lange dauert es, bis ein Patient online einen Termin findet? Wie viele Klicks braucht er, um zu buchen? Und was passiert, wenn er keine Online-Buchung findet? Diese Fragen zeigen Ihnen, wo Ihre Baustellen liegen.
10.Die KI-Revolution, die schon begonnen hat
Künstliche Intelligenz ist in den Arztpraxen angekommen - zumindest in Ansätzen. Sieben von zehn Ärzten sehen bereits heute einen konkreten Nutzen von digitalen Anwendungen und KI-Tools, sei es für mehr Effizienz, bessere Abläufe oder eine höhere Versorgungsqualität [9]. Das ist eine beachtliche Zahl für eine Technologie, die noch vor wenigen Jahren als Zukunftsmusik galt.
Doch der Nutzen ist ungleich verteilt. Während einige Praxen KI bereits für Dokumentation, Terminvergabe oder Befundinterpretation nutzen, steht die Mehrheit noch am Anfang. Und viele wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Die KI-Revolution ist keine Frage des Ob, sondern des Wie - und des Wann.
Für Ihre Praxis bedeutet das: Informieren Sie sich über die Möglichkeiten, die KI für Ihren Alltag bietet. Sie müssen nicht sofort alles einführen, aber Sie sollten wissen, was es gibt. Und Sie sollten experimentieren - mit kleinen Pilotprojekten, die schnell zeigen, ob eine Anwendung für Ihre Praxis taugt.
Die KI-Revolution wird nicht an Ihrer Praxis vorbeigehen. Sie wird sie verändern - ob Sie wollen oder nicht. Die Frage ist nur, ob Sie gestalten oder gestaltet werden.
Jetzt handeln: Die 3 Schritte, die Ihre Praxis sofort voranbringen
Die zehn Baustellen zeigen: Digitalisierung ist kein Projekt, das man abschließt, sondern ein Prozess, der nie endet. Und genau das ist die Chance. Wer die Baustellen kennt, kann sie systematisch angehen - und sich einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Der erste Schritt ist die ehrliche Bestandsaufnahme: Wo brechen Ihre digitalen Prozesse ab? Wo entstehen Reibungspunkte? Wo verlieren Sie Zeit? Diese Analyse ist die Grundlage für alles Weitere.
Der zweite Schritt ist die Priorisierung: Sie müssen nicht alle Baustellen auf einmal angehen. Wählen Sie die ein oder zwei, die den größten Hebel haben - und arbeiten Sie sie konsequent ab.
Der dritte Schritt ist die Umsetzung: Setzen Sie klare Ziele, benennen Sie Verantwortliche und planen Sie Zeit für die Umstellung ein. Und seien Sie geduldig: Der Zeitgewinn stellt sich nicht sofort ein, aber er kommt - bis zu 20 Stunden pro Woche [10].
Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug, um Ihre Praxis besser, effizienter und patientenfreundlicher zu machen. Nutzen Sie es.