Die Digitalisierung ist in den Arztpraxen angekommen - zumindest im Kopf. Doch zwischen dem Wunsch nach modernen Abläufen und der tatsächlichen Umsetzung klafft eine Lücke. Dieser Artikel beleuchtet die Gründe für diesen Graben und zeigt, wie Praxen ihn überwinden können.

Warum die Digitalisierung in der Praxis oft im Wartezimmer stehen bleibt

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist eines der großen Themen unserer Zeit. Während Kliniken und Krankenhäuser oft mit modernster Technik aufwarten, sieht die Realität in vielen Arztpraxen anders aus. Es ist ein digitaler Graben entstanden, der weniger mit der Verfügbarkeit von Technologie zu tun hat, als man meinen könnte. Vielmehr ist es ein Graben zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der tatsächlichen Umsetzung im Praxisalltag.

Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom und des Ärzteverbands Hartmannbund zeigt ein deutliches Stimmungsbild: Mehr als drei Viertel der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland (76 Prozent) sehen die Digitalisierung grundsätzlich als Chance für die Medizin [2]. Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht. Doch die gleiche Umfrage offenbart auch das Kernproblem: 78 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte sagen, Deutschland hänge im Vergleich zu anderen Ländern bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems zurück [2]. Man erkennt also ein Paradoxon: Man will, aber man hat das Gefühl, es nicht zu schaffen.

Dieser Widerspruch ist kein Einzelfall, sondern ein systematisches Problem. Er zeigt sich in der Praxis oft an alltäglichen Dingen. Ein Beispiel: Ein Hausarzt möchte seine Rezepte komplett digital ausstellen. Die Technik dafür ist vorhanden, die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind geschaffen. Doch im stressigen Praxisalltag, wenn zwanzig Patienten im Wartezimmer sitzen und das Telefon ununterbrochen klingelt, greift er dann doch zum bewährten Rezeptblock. Es ist nicht der fehlende Wille, sondern die fehlende Zeit, die den Wandel ausbremst.

Der Graben zwischen Wollen und Können ist also weniger eine technologische Frage, sondern vielmehr eine Frage der Organisation, der Routine und des Selbstverständnisses. Es geht darum, wie eine Praxis Veränderungen angeht, wie sie ihre Abläufe hinterfragt und wie sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diesem Weg mitnimmt. Solange diese Aspekte nicht adressiert werden, wird die modernste Technik nur eine leere Hülle bleiben. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten dieses Grabens und zeigt Wege auf, wie Praxen ihn überwinden können.

Der Graben beginnt im Kopf: Praxisärzte sind skeptischer als Klinikärzte

Die Skepsis gegenüber digitalen Lösungen ist in den Praxen deutlich ausgeprägter als in den Kliniken. Das ist ein zentraler Befund, der die unterschiedliche Geschwindigkeit der Digitalisierung erklärt. Die Bitkom-Umfrage zeigt hier einen bemerkenswerten Unterschied: Während 86 Prozent der Klinik-Ärzte in der Digitalisierung primär Chancen für das Gesundheitswesen sehen, sind es bei den Praxis-Ärzten nur 53 Prozent [3]. Dieser Unterschied ist enorm und er prägt den Alltag in den Praxen.

Diese Diskrepanz hat mehrere Ursachen. Zum einen arbeiten Praxisärzte oft in kleineren Teams und müssen Entscheidungen direkt verantworten. Fehlentscheidungen bei der Anschaffung neuer Software oder Geräte sind hier unmittelbar spürbar und können schnell zum wirtschaftlichen Problem werden. Ein Klinikarzt hingegen ist Teil eines größeren Systems, in dem Investitionen anders getragen und Risiken anders verteilt werden. Zum anderen ist der Arbeitsalltag in der Praxis oft von einer hohen Arbeitsdichte geprägt, die wenig Raum für Experimente lässt.

Hinzu kommt ein Generationen- und Geschlechtereffekt. Die Umfrage zeigt, dass 74 Prozent der Ärztinnen die Digitalisierung als Chance sehen, aber nur 63 Prozent der Ärzte [3]. Und: 88 Prozent der unter 45-Jährigen sehen die Digitalisierung als Chance, aber nur jeder zweite Arzt (55 Prozent) ab 45 Jahren [3]. Diese Zahlen deuten auf eine langsame, aber stetige Veränderung hin. Die jüngere Generation ist mit digitalen Technologien aufgewachsen und hat ein anderes Verhältnis zu ihnen.

Der Graben im Kopf ist also kein statisches Phänomen. Er wird sich mit der Zeit verkleinern, weil die Generationen nachrücken. Aber das passiert nicht von allein. Es braucht Angebote, die speziell auf die Bedürfnisse von Praxisärzten zugeschnitten sind. Es braucht Fortbildungen, die nicht nur die Technik erklären, sondern auch den Nutzen für den Praxisalltag verdeutlichen. Und es braucht den Austausch unter Kollegen, die bereits positive Erfahrungen gemacht haben. Denn nichts überzeugt mehr als ein Beispiel aus der Nachbarpraxis.

Der Alltag als Bremse: Warum der Praxisbetrieb digitale Innovationen ausbremst

Der Praxisalltag ist ein komplexes Gefüge aus Terminen, Patienten, Abrechnungen und administrativen Aufgaben. In diesem Gefüge ist Zeit das knappste Gut. Eine Umfrage zeigt, dass zwei Drittel (67 Prozent) der Ärztinnen und Ärzte mehr Tempo bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens fordern [2]. Doch genau dieses Tempo ist im Alltag oft nicht zu finden.

Der Grund ist einfach: Die Einführung neuer digitaler Prozesse kostet zunächst Zeit, bevor sie Zeit spart. Und diese Anschubzeit ist in einer voll ausgelasteten Praxis kaum zu finden. Die Einführung der elektronischen Patientenakte, die Umstellung auf das E-Rezept oder die Implementierung eines neuen Terminvergabesystems sind keine Projekte, die man nebenbei erledigt. Sie erfordern Planung, Schulung und eine Phase des Übergangs, in der die Praxis möglicherweise langsamer arbeitet als zuvor.

Ein anschauliches Beispiel ist die Einführung der Videosprechstunde. Viele Praxen haben diese Möglichkeit während der Corona-Pandemie genutzt und positive Erfahrungen gemacht. Doch nach dem Ende der Pandemie ist das Thema oft wieder in den Hintergrund gerückt. Warum? Weil die Videosprechstunde nicht einfach nur eine technische Ergänzung ist, sondern eine Veränderung der Sprechstunde selbst bedeutet. Sie erfordert eine andere Terminplanung, eine andere Kommunikation mit den Patienten und eine andere Form der Dokumentation. Und das alles muss in einen ohnehin schon dichten Alltag integriert werden.

Es ist also nicht die Technologie, die den Wandel ausbremst, sondern der Alltag. Die Lösung kann daher nicht sein, einfach mehr Technik zu fordern. Die Lösung muss darin liegen, den Praxen mehr Freiräume zu schaffen, um Veränderungen umsetzen zu können. Das kann bedeuten, dass administrative Aufgaben stärker digitalisiert oder ausgelagert werden, damit das Praxisteam Zeit für die eigentliche Digitalisierung gewinnt. Es kann auch bedeuten, dass die Politik Anreize schafft, die den initialen Mehraufwand abfedern.

Die digitale Kommunikation mit Kliniken: Ein blinder Fleck mit Potenzial

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel für den digitalen Graben ist die Kommunikation zwischen Praxen und Kliniken. Hier zeigt sich, wie sehr die Digitalisierung an den Schnittstellen hakt. Eine Umfrage der AOK zeigt, dass nur zwölf Prozent der Praxen überwiegend digital mit Kliniken kommunizieren [6]. Das ist ein erstaunlich niedriger Wert, wenn man bedenkt, wie wichtig ein reibungsloser Informationsfluss für die Patientenversorgung ist.

Besonders deutlich wird das Problem beim Entlassbrief. Dieser Brief ist die zentrale Schnittstelle zwischen Klinik und weiterbehandelndem Arzt. Er enthält die wichtigsten Informationen über den Krankenhausaufenthalt und die Empfehlungen für die weitere Behandlung. Zwar sehen 85 Prozent der Praxen einen hohen Nutzen im digitalen Entlassbrief, aber nur 15 Prozent erhalten ihn tatsächlich digital [6]. Die Kluft zwischen Erwartung und Realität könnte kaum größer sein.

Die Folgen dieser digitalen Lücke sind spürbar. In vielen Praxen müssen die Informationen aus dem Entlassbrief manuell in die eigene Patientenakte übertragen werden. Das ist nicht nur zeitaufwendig, sondern auch fehleranfällig. Und es führt dazu, dass wichtige Informationen verloren gehen oder nicht rechtzeitig verfügbar sind. Der Patient steht dann vielleicht in der Praxis, aber die relevanten Befunde sind noch nicht angekommen.

Hier zeigt sich, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern einen konkreten Nutzen haben muss. Der digitale Entlassbrief ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine digitale Lösung die Versorgung verbessern kann. Aber er scheitert an der fehlenden Interoperabilität der Systeme und an den unterschiedlichen Interessen der Akteure. Es braucht also nicht nur technische Lösungen, sondern auch verbindliche Standards und Anreize für alle Beteiligten. Solange das nicht passiert, wird der Graben an dieser Stelle bestehen bleiben.

WLAN in der Praxis: Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung

Ein scheinbar banales Thema zeigt exemplarisch, wie groß der Graben zwischen Wollen und Können in der Praxis sein kann: das WLAN. Für viele Menschen ist ein WLAN-Zugang heute selbstverständlich - im Café, im Hotel, im Zug. In der Arztpraxis ist er es nicht. Nur 21 Prozent der Befragten bieten in ihrer Praxis WLAN für Patienten an, weitere elf Prozent halten dies für sinnvoll [10]. Das ist ein bemerkenswerter Befund.

Dabei ist WLAN in der Praxis aus mehreren Gründen sinnvoll. Zum einen können Patienten die Wartezeit im Wartezimmer besser überbrücken. Zum anderen ermöglicht es digitale Angebote wie Patientenportale oder die elektronische Patientenakte, auf die die Patienten mit ihrem eigenen Gerät zugreifen können. Und nicht zuletzt ist es ein Zeichen von Modernität und Gastfreundschaft. Eine Praxis, die WLAN anbietet, signalisiert: Wir sind offen für die digitale Welt.

Warum ist die Verbreitung dann so gering? Die Gründe sind vielfältig. Manchmal ist es die Sorge vor Sicherheitsrisiken. Manchmal ist es die Frage nach den Kosten für die Einrichtung und den Betrieb. Und manchmal ist es schlicht die fehlende Priorität. Im Alltagsgeschäft gibt es immer dringendere Probleme als die Frage, ob die Patienten im Wartezimmer eine Internetverbindung haben.

Doch die geringe Verbreitung von WLAN ist ein Symptom für ein tieferliegendes Problem: die fehlende digitale Grundausstattung vieler Praxen. Wer kein WLAN hat, wird auch keine Videosprechstunde anbieten oder eine moderne Patientenkommunikation aufbauen. Das WLAN ist sozusagen die Basisinfrastruktur der digitalen Praxis. Es ist der erste Schritt, der viele weitere ermöglicht. Die Politik und die Kassenärztlichen Vereinigungen sollten daher Anreize schaffen, damit diese Basisinfrastruktur flächendeckend entsteht.

Die elektronische Patientenakte: Chance und Überforderung zugleich

Die elektronische Patientenakte (ePA) ist eines der zentralen Projekte der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Sie soll die Versorgung verbessern, indem sie alle relevanten Gesundheitsdaten eines Patienten an einem Ort bündelt. Die Erwartungen sind hoch, und die Technik ist vorhanden. Doch in der Praxis stößt die ePA auf Hindernisse, die nichts mit der Technik zu tun haben.

Die ePA erfordert eine neue Form der Dokumentation und der Zusammenarbeit. Sie verändert die Arbeitsabläufe in der Praxis und stellt neue Anforderungen an das Praxisteam. Die Einführung ist daher kein rein technisches Projekt, sondern ein Organisationsprojekt. Und genau daran scheitern viele Praxen. Sie unterschätzen den Aufwand, der mit der Einführung verbunden ist, und sie unterschätzen den Widerstand, der sich im Team entwickeln kann.

Ein häufiges Problem ist die Angst vor Kontrollverlust. Wenn die Daten in der ePA liegen, sind sie für andere Akteure im Gesundheitswesen sichtbar. Das kann als Bedrohung empfunden werden, insbesondere von Ärztinnen und Ärzten, die ihre Unabhängigkeit schätzen. Hinzu kommt die Sorge vor zusätzlicher Bürokratie. Die Dokumentation in der ePA muss bestimmten Standards entsprechen, und das kann als zusätzliche Belastung empfunden werden.

Die Lösung kann nicht darin liegen, die ePA zu erzwingen. Die Lösung muss darin liegen, die Praxen bei der Einführung zu unterstützen. Das bedeutet: Schulungen für das gesamte Team, klare Anleitungen für den Umgang mit der ePA und Ansprechpartner für Fragen und Probleme. Und es bedeutet, den Nutzen der ePA für die Praxis konkret zu machen. Wenn eine Praxis erkennt, dass die ePA ihr hilft, Zeit zu sparen oder die Versorgung zu verbessern, wird sie sie auch nutzen.

Der Faktor Mensch: Warum das Praxisteam über den Erfolg entscheidet

Die Digitalisierung einer Arztpraxis ist keine Frage der Technik, sondern eine Frage der Menschen. Das Praxisteam - von der Arzthelferin bis zum Praxisinhaber - entscheidet darüber, ob digitale Lösungen erfolgreich eingesetzt werden oder nicht. Eine Umfrage zeigt, dass 64 Prozent der Befragten der Ansicht sind, digitale Technologien würden die medizinische Versorgung der Menschen grundsätzlich verbessern [2]. Doch diese positive Einstellung muss sich im Alltag erst noch bewahrheiten.

Ein zentraler Faktor ist die Führung. Wenn der Praxisinhaber oder die Praxisinhaberin die Digitalisierung vorantreibt und das Team mitnimmt, sind die Erfolgsaussichten deutlich höher. Wenn die Digitalisierung jedoch als lästige Pflicht empfunden wird, die von oben verordnet wurde, wird sie scheitern. Das Team muss verstehen, warum die Veränderung notwendig ist und welchen Nutzen sie für die eigene Arbeit hat.

Ein weiterer Faktor ist die Qualifikation. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Praxen haben ihre Ausbildung in einer analogen Welt absolviert. Sie sind mit den neuen Technologien nicht vertraut und fühlen sich überfordert. Hier sind Fortbildungen und Schulungen notwendig, die nicht nur die Bedienung der Technik erklären, sondern auch die dahinterliegenden Prozesse. Die Schulungen müssen praxisnah sein und auf die konkreten Anforderungen der Praxis eingehen.

Und schließlich ist es die Fehlerkultur. In vielen Praxen herrscht eine Kultur, in der Fehler vermieden werden müssen. Das ist verständlich, denn im Gesundheitswesen können Fehler schwerwiegende Folgen haben. Doch diese Kultur kann die Digitalisierung ausbremsen. Denn digitale Prozesse erfordern Experimentierfreude und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Eine Praxis, die diese Kultur entwickelt, wird die Digitalisierung erfolgreicher meistern als eine, die sie nicht entwickelt.

Der Blick über den Tellerrand: Was Praxen von anderen Branchen lernen können

Die Digitalisierung ist kein Phänomen, das auf das Gesundheitswesen beschränkt ist. Viele Branchen haben in den letzten Jahren ähnliche Prozesse durchlaufen. Der Handel, das Bankwesen, die Logistik - überall haben digitale Technologien die Arbeitsabläufe verändert. Von diesen Erfahrungen können Arztpraxen lernen.

Ein zentrales Learning ist die Bedeutung der Nutzerfreundlichkeit. In anderen Branchen hat man erkannt, dass digitale Lösungen nur dann erfolgreich sind, wenn sie einfach zu bedienen sind. Die Technik muss sich den Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Das gilt auch für die Arztpraxis. Eine Software, die kompliziert zu bedienen ist, wird nicht genutzt, egal wie leistungsfähig sie ist.

Ein weiteres Learning ist die Bedeutung der Integration. In anderen Branchen hat man erkannt, dass digitale Lösungen nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern in die bestehenden Prozesse integriert werden müssen. Das gilt auch für die Arztpraxis. Eine neue Software, die nicht mit dem Praxisverwaltungssystem kompatibel ist, schafft mehr Probleme als sie löst. Die Integration ist also ein zentraler Erfolgsfaktor.

Und schließlich ist es die Bedeutung der Kommunikation. In anderen Branchen hat man erkannt, dass die Einführung digitaler Technologien von einer offenen und transparenten Kommunikation begleitet sein muss. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen verstehen, warum die Veränderung notwendig ist und was sie für sie bedeutet. Das gilt auch für die Arztpraxis. Die Einführung neuer Technologien sollte nicht als Geheimprojekt behandelt werden, sondern als gemeinsames Projekt des gesamten Teams.

Der Weg nach vorn: Wie Praxen den Graben konkret überwinden können

Die Analyse des digitalen Grabens ist das eine, die Überwindung das andere. Doch es gibt Wege, die Praxen gehen können, um den Graben zu überwinden. Diese Wege sind keine Geheimtipps, sondern bewährte Vorgehensweisen, die sich in anderen Branchen und auch in fortschrittlichen Praxen bereits bewährt haben.

Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Welche Prozesse in der Praxis sind digital, welche sind analog? Wo gibt es Reibungsverluste, wo gibt es Potenziale? Diese Bestandsaufnahme sollte nicht von oben herab erfolgen, sondern gemeinsam mit dem Team. Denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen die Abläufe oft besser als die Praxisinhaberinnen und -inhaber. Sie wissen, wo der Schuh drückt.

Der zweite Schritt ist die Priorisierung. Nicht alles kann auf einmal umgesetzt werden. Es ist besser, sich auf wenige, aber wichtige Projekte zu konzentrieren, als viele Projekte gleichzeitig zu starten und keines zu Ende zu bringen. Die Priorisierung sollte sich an den Bedürfnissen der Praxis und der Patienten orientieren. Ein Projekt, das den größten Nutzen verspricht, sollte zuerst angegangen werden.

Der dritte Schritt ist die Umsetzung mit dem Team. Die Digitalisierung ist keine Chefsache, sondern Teamarbeit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen in die Planung und Umsetzung einbezogen werden. Sie müssen die Möglichkeit haben, ihre Ideen und Bedenken zu äußern. Und sie müssen die Schulungen erhalten, die sie für die Arbeit mit den neuen Technologien benötigen. Nur so kann die Digitalisierung zu einem Erfolgsprojekt werden.

Der vierte Schritt ist die Evaluation. Nach der Einführung einer neuen Technologie sollte überprüft werden, ob sie die erwarteten Effekte erzielt. Das kann durch Kennzahlen geschehen, aber auch durch das Feedback des Teams und der Patienten. Die Evaluation sollte ehrlich sein und auch Schwächen aufdecken. Denn nur so kann die Praxis aus ihren Erfahrungen lernen und sich weiterentwickeln.

Das Wichtigste in Kürze

Die Digitalisierung der Arztpraxen ist ein komplexer Prozess, der weit über die Anschaffung neuer Technik hinausgeht. Der digitale Graben zwischen Wollen und Können ist kein technologisches, sondern ein organisatorisches und kulturelles Problem. Die Skepsis der Praxisärzte gegenüber digitalen Lösungen ist größer als die der Klinikärzte [3]. Der Alltag in den Praxen lässt wenig Raum für Veränderungen. Und die Kommunikation mit den Kliniken hinkt hinterher [6].

Doch der Graben ist nicht unüberwindbar. Praxen, die die Digitalisierung als Teamprojekt angehen, ihre Abläufe ehrlich analysieren und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifizieren, können die Chancen der Digitalisierung nutzen. Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um die Versorgung zu verbessern und den Praxisalltag zu erleichtern. Wer das im Blick behält, wird den Graben überwinden.