Während Praxen bei eRezept und eAU bereits weit sind, hakt es an einer entscheidenden Stelle: der digitalen Kommunikation mit Kliniken. Der eArztbrief ist der unterschätzte Hebel, der nicht nur Zeit spart, sondern die Praxis als modernen Partner positioniert - und das oft mit weniger Aufwand als gedacht.
Die stille Baustelle: Wenn der digitale Arbeitsplatz am Faxgerät endet
Die Praxis ist digital. Termine werden online vergeben, Rezepte gehen elektronisch raus, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlässt den Praxisalltag längst nicht mehr als Papier. Doch dann kommt der Moment, in dem der digitale Alltag abrupt endet: der Entlassbrief aus dem Krankenhaus. Während die Praxis längst in digitalen Bahnen denkt, trudelt das wichtigste Dokument zur Weiterbehandlung oft noch per Post oder Fax ein. Und umgekehrt greifen Praxen selbst zum Faxgerät, wenn sie Befunde an die Klinik schicken müssen, weil dort die digitale Anbindung schlicht fehlt. Diese Situation ist kein Einzelfall, sondern beschreibt eine der hartnäckigsten Baustellen der Digitalisierung im Gesundheitswesen.
Die Zahlen der KBV zeichnen ein klares Bild: Während die Nutzung des elektronischen Arztbriefs von 13 Prozent im Jahr 2018 auf jetzt 87 Prozent gestiegen ist [2], sieht die Realität bei der Kommunikation mit Krankenhäusern ganz anders aus. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Kliniken [2]. Das ist ein eklatanter Widerspruch: Intern ist die Praxis digital, extern, an der Schnittstelle zur Klinik, regiert das Papier. Und dieser Widerspruch hat Konsequenzen, die weit über den bloßen Ärger über ein Faxgerät hinausgehen.
Denn der digitale Entlassbrief ist der entscheidende Punkt, an dem die Versorgungskette nahtlos weiterlaufen sollte. Der Patient kommt aus dem Krankenhaus, die Praxis muss wissen, was passiert ist, welche Medikation angesetzt wurde und welche Nachsorge nötig ist. Wenn dieser Informationsfluss stockt, leidet die Versorgung. Und die Zahlen zeigen, wie groß die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist: 85 Prozent der Praxen sehen in der digitalen Übermittlung einen hohen Nutzen, aber nur 15 Prozent erhalten den Entlassbrief tatsächlich digital [2]. Das ist eine riesige Lücke zwischen Anspruch und Realität - und genau hier liegt der Hebel für Praxen, die Digitalisierung nicht nur als Selbstzweck betreiben, sondern als Werkzeug für bessere Arbeit.
Warum der eArztbrief mehr ist als ein PDF per Mail
Der eArztbrief ist nicht einfach nur ein Dokument, das digital statt auf Papier verschickt wird. Er ist die Quintessenz der digitalen Kommunikation zwischen zwei Systemen. Wenn ein Krankenhaus einen Entlassbrief digital übermittelt, dann bedeutet das, dass die Daten strukturiert ankommen, dass sie in das Praxisverwaltungssystem eingespeist werden können und dass die Praxis nicht mehr abtippen muss, was auf einem Blatt Papier steht. Das spart nicht nur Zeit, sondern reduziert auch Fehlerquellen. Jede manuelle Übertragung ist eine potenzielle Fehlerquelle, und genau diese Fehlerquelle wird durch den eArztbrief eliminiert.
Der eArztbrief ist damit ein Gradmesser für den tatsächlichen Digitalisierungsgrad einer Praxis. Eine Praxis, die eRezept und eAU nutzt, aber beim Befundbericht an die Klinik noch zum Fax greift, hat einen Bruch in ihrer Digitalisierungsstrategie. Sie ist auf der einen Seite modern, auf der anderen Seite hängt sie am alten System. Und dieser Bruch ist für die Patienten spürbar, denn er bedeutet längere Wartezeiten auf Befunde, mehr Rückfragen und im schlimmsten Fall eine verzögerte Behandlung.
Das Besondere am eArztbrief ist, dass er eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten darstellt. Die Praxis spart Zeit, weil sie keine Briefe mehr diktieren, schreiben und versenden muss. Die Klinik spart Zeit, weil sie keine Briefe mehr drucken und kuvertieren muss. Und der Patient profitiert, weil die Informationen schneller und vollständiger ankommen. Es ist eine dieser seltenen Digitalisierungsmaßnahmen, die keine Nachteile hat und trotzdem oft vernachlässigt wird. Das liegt nicht an der Technik, sondern an der Organisation und an Gewohnheiten, die sich über Jahrzehnte eingeschliffen haben.
Der Blick über den Tellerrand: Was die Digitalisierung wirklich verspricht
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen wird oft mit großen Versprechen verbunden. Die Bundesregierung identifiziert in ihrer Digitalstrategie fünf Handlungsfelder, von der Stärkung digitaler Kompetenzen bis zur digitalen Verwaltung [3]. Und tatsächlich sind die Erwartungen der Bevölkerung hoch, besonders im Gesundheitswesen [3]. Doch die Realität zeigt, dass Technologie allein nichts löst, wenn die Prozesse dahinter nicht stimmen. Die Digitalisierung verspricht enorme wirtschaftliche und ökologische Potenziale und könnte die Lebensqualität steigern [3], aber diese Potenziale werden nur gehoben, wenn die Anwendungen zuverlässig laufen und die Menschen sie akzeptieren.
Genau hier liegt das Problem in der Kommunikation zwischen Praxen und Kliniken. Die Technik für den eArztbrief existiert, die Praxen wollen sie nutzen, aber die Kliniken hinken hinterher. Die KBV kritisiert das deutlich: Während die Praxen längst digital kommunizieren, sind Krankenhäuser noch viel zu oft im Papierzeitalter verhaftet [2]. Das führt zu einer paradoxen Situation: Die Praxis ist digital, muss aber für die Kommunikation mit der Klinik auf das Faxgerät zurückgreifen, obwohl sie selbst in digitalen Praxen arbeitet [2].
Diese Kluft zwischen Praxen und Kliniken ist mehr als nur ein Ärgernis. Sie ist ein strukturelles Problem, das die Versorgung behindert. Denn die Digitalisierung verspricht nicht nur Zeitersparnis, sondern auch bessere Behandlungsergebnisse. Deutschland gibt jährlich rund 528,5 Milliarden Euro für das Gesundheitswesen aus - mehr als jemals zuvor in seiner Geschichte [4]. Doch die Ergebnisse verbessern sich nicht proportional dazu, die Wartezeiten steigen und das Personal ist überlastet [4]. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass zu viel Zeit mit administrativen Aufgaben verschwendet wird, die digital längst erledigt sein könnten.
Der Preis der Papierwelt: Zeit, die der Patientenerstattung fehlt
Die Zeit, die in Praxen für Papierkram aufgewendet wird, ist Zeit, die für die eigentliche ärztliche Tätigkeit fehlt. Der Digital Health Report 2026 zeigt, dass Digitalisierung und KI-Assistenten ein Zeitgewinn von 10-20 Stunden pro Woche pro Praxis bedeuten können - das entspricht über 1 Million zusätzlicher Patientenstunden wöchentlich in Deutschland [10]. Allein diese Zahl macht deutlich, welches Potenzial in der Digitalisierung steckt. Und der eArztbrief ist ein wesentlicher Baustein dieses Potenzials.
Wer schon einmal einen Entlassbrief manuell abgetippt hat, weiß, wie viel Zeit das kostet. Die Befunde müssen übertragen, die Medikation übernommen und die Empfehlungen der Klinik erfasst werden. Bei einem komplizierten Fall kann das schnell eine halbe Stunde dauern. Mit dem eArztbrief entfällt diese Arbeit, denn die Daten kommen strukturiert an und können direkt ins System übernommen werden. Die Zeitersparnis ist enorm - und sie kommt direkt den Patienten zugute, weil mehr Zeit für die Behandlung bleibt.
Doch die Zeitersparnis ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist die Qualität der Behandlung. Wenn ein Entlassbrief digital und strukturiert ankommt, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass wichtige Informationen verloren gehen. Die Medikation wird vollständig übernommen, die Nachsorgeempfehlungen werden nicht überlesen. Das ist ein Qualitätsgewinn, der sich nicht in Zahlen messen lässt, aber für die Patienten einen großen Unterschied macht. Und genau dieser Qualitätsgewinn ist es, der die Digitalisierung letztlich rechtfertigt.
Ein Blick in die Praxis: Wo die Reise hingehen könnte
Die digitale Kommunikation zwischen Praxen und Kliniken ist ein komplexes Thema, das viele Akteure betrifft. Doch es gibt positive Beispiele, die zeigen, wie es gehen kann. Spezialisierte Arztpraxen kommunizieren bereits etwas mehr als ein Drittel komplett oder mehrheitlich digital mit anderen Praxen [5]. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der eArztbrief unter Fachärzten verbreiteter ist und die Vorteile der digitalen Kommunikation dort schon früher erkannt wurden [5].
Diese Beispiele zeigen, dass die digitale Kommunikation funktioniert, wenn beide Seiten mitspielen. Und sie zeigen, dass es sich lohnt, auf die digitale Kommunikation zu setzen. Die Praxen, die bereits digital kommunizieren, haben die Vorteile erkannt und wollen nicht mehr zurück. Sie sparen Zeit, reduzieren Fehler und arbeiten effizienter. Das sind die Praxen, die die Digitalisierung nicht als Last, sondern als Chance begreifen.
Doch diese positiven Beispiele sind noch nicht die Regel. Fast ein Viertel aller Praxen (23 Prozent) gab an, komplett oder mehrheitlich digital mit anderen Praxen zu kommunizieren [5]. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass drei Viertel der Praxen noch nicht digital mit anderen Praxen kommunizieren. Und wenn schon die Kommunikation zwischen Praxen nicht digital ist, dann ist es kein Wunder, dass die Kommunikation mit Kliniken noch schlechter aussieht.
Die Rolle der KBV und der Telematikinfrastruktur
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) spielt eine zentrale Rolle bei der Digitalisierung der Praxen. Mit dem PraxisBarometer Digitalisierung beleuchtet die KBV in einer bundesweiten, repräsentativen Befragung von Vertragsärzten und -psychotherapeuten den Stand der Digitalisierung in den Praxen [9]. Diese Befragung ist wichtig, weil sie zeigt, wo die Praxen stehen und wo es noch hakt. Und sie ist die Grundlage für politische Forderungen und Unterstützungsangebote.
Die KBV hat erkannt, dass die Digitalisierung nur gelingen kann, wenn die Anwendungen zuverlässig laufen. KBV-Vorstandsmitglied Sibylle Steiner betonte, dass die Akzeptanz digitaler Anwendungen spürbar steigt, wenn sie zuverlässig laufen [2]. Diese Erkenntnis ist zentral, denn sie zeigt, dass die Technik nicht das Problem ist, sondern die Umsetzung. Wenn die Anwendungen funktionieren, sind die Praxen bereit, sie zu nutzen.
Die Telematikinfrastruktur (TI) ist das technische Rückgrat der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Der TI-Atlas 2026 der gematik bietet einen umfassenden Überblick zum Stand der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens [7]. Er zeigt, wie die elektronische Patientenakte und Medikationspläne die Versorgung verbessern [7]. Doch die TI ist nur so gut wie ihre Anwendungen, und der eArztbrief ist eine dieser Anwendungen, die noch nicht flächendeckend genutzt werden.
Warum die Praxis den ersten Schritt machen sollte
Es ist verlockend, auf die Kliniken zu zeigen und zu sagen: Die sind schuld an der Papierflut. Doch das wäre zu einfach. Denn die Praxis kann auch ohne die Klinik einen Schritt nach vorne machen. Sie kann ihre eigenen Prozesse digitalisieren und die Kommunikation mit der Klinik aktiv einfordern. Wenn die Praxis beim Entlassbrief nicht auf das Faxgerät warten will, kann sie nachfragen, ob eine digitale Übermittlung möglich ist. Und sie kann ihre eigenen Befunde digital an die Klinik schicken, auch wenn die Klinik noch nicht digital antwortet.
Der erste Schritt ist oft der schwerste, aber auch der wichtigste. Wer einmal erlebt hat, wie ein eArztbrief digital ankommt und direkt ins System übernommen wird, will nicht mehr zurück. Der Mehrwert ist sofort spürbar, und die Zeitersparnis ist offensichtlich. Deshalb sollten Praxen nicht warten, bis die Kliniken nachziehen, sondern selbst aktiv werden. Sie können die digitale Kommunikation einfordern und damit den Druck auf die Kliniken erhöhen.
Gleichzeitig sollten Praxen ihre eigenen Prozesse hinterfragen. Wie oft wird noch ein Brief diktiert, ausgedruckt, unterschrieben und gefaxt, obwohl es digital auch ginge? Wie oft wird ein Befund doppelt erfasst, weil er nicht digital übertragen wird? Diese Fragen zeigen, dass die Digitalisierung nicht nur eine Frage der Technik ist, sondern auch eine Frage der Gewohnheit. Und Gewohnheiten kann man ändern.
Die Praxis als Vorreiter: Ein Plädoyer für mehr Mut
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein Marathon, kein Sprint. Doch das darf nicht dazu führen, dass man gar nicht erst losläuft. Die Praxen haben in den letzten Jahren bewiesen, dass sie digitalisierungsfähig sind. Die Nutzung des elektronischen Arztbriefs ist von 13 Prozent im Jahr 2018 auf jetzt 87 Prozent gestiegen [2]. Das ist eine enorme Steigerung, die zeigt, dass die Praxen bereit sind, neue Wege zu gehen.
Doch bei der Kommunikation mit den Kliniken hakt es noch. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Kliniken [2]. Das ist eine Baustelle, die nicht ignoriert werden darf. Denn die Digitalisierung endet nicht an der Praxistür. Sie muss die gesamte Versorgungskette umfassen, vom Hausarzt über den Facharzt bis zur Klinik und zurück.
Die Praxen können dabei eine Vorreiterrolle einnehmen. Sie können zeigen, dass die digitale Kommunikation funktioniert und dass sie Vorteile bringt. Sie können den Druck auf die Kliniken erhöhen, indem sie die digitale Kommunikation einfordern. Und sie können ihre eigenen Prozesse so gestalten, dass sie auch mit einer analogen Klinik effizient arbeiten können. Das ist kein Widerspruch, sondern eine pragmatische Herangehensweise.
Die Kostenfrage: Was die Digitalisierung wirklich bringt
Die Digitalisierung kostet Geld, das ist klar. Neue Software, Schulungen, vielleicht neue Hardware - all das sind Investitionen, die sich erst langfristig auszahlen. Doch die Rechnung ist einfacher, als viele denken. Wenn eine Praxis durch die Digitalisierung 10-20 Stunden pro Woche spart [10], dann ist das ein enormer Wert. Diese Zeit kann für die Patientenversorgung genutzt werden, für mehr Sprechstunden oder einfach für weniger Überstunden des Teams.
Doch die Zeitersparnis ist nicht der einzige Nutzen. Die Digitalisierung verbessert auch die Qualität der Arbeit. Fehler werden reduziert, Informationen gehen nicht verloren, und die Kommunikation wird transparenter. Das sind Werte, die sich nicht direkt in Euro messen lassen, aber langfristig die Praxis stärken. Eine Praxis, die digital arbeitet, ist attraktiver für Patienten und Mitarbeiter. Sie wirkt modern und zukunftsorientiert.
Die Kostenfrage sollte deshalb nicht als Argument gegen die Digitalisierung verwendet werden. Die Frage sollte nicht sein, ob wir uns die Digitalisierung leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, nicht zu digitalisieren. Denn die Kosten der Nicht-Digitalisierung sind höher: verlorene Zeit, Fehler, Unzufriedenheit bei Patienten und Mitarbeitern. Wer diese Kosten sieht, erkennt den Wert der Digitalisierung.
Der Weg nach vorne: Konkrete Schritte für die Praxis
Die Digitalisierung der Kommunikation mit Kliniken ist keine Raketenwissenschaft. Es braucht keine neuen Geräte, keine teure Software, sondern in erster Linie den Willen, Prozesse zu ändern. Der erste Schritt ist die Bestandsaufnahme: Wie kommuniziert die Praxis aktuell mit Kliniken? Wo wird gefaxt, wo werden Briefe gedruckt? Diese Bestandsaufnahme zeigt, wo die Baustellen sind.
Der zweite Schritt ist die Nachfrage. Die Praxis sollte bei den Kliniken, mit denen sie regelmäßig kommuniziert, nachfragen, ob eine digitale Übermittlung möglich ist. Oft ist die Technik vorhanden, aber sie wird nicht genutzt, weil niemand danach fragt. Die Praxis kann hier der Auslöser sein, der den Stein ins Rollen bringt.
Der dritte Schritt ist die interne Digitalisierung. Auch wenn die Klinik noch nicht digital antwortet, kann die Praxis ihre eigenen Prozesse digitalisieren. Befunde können digital erstellt und versendet werden, auch wenn sie am Ende doch gefaxt werden. Die Struktur ist dann schon digital, und der Schritt zur vollständigen digitalen Kommunikation ist nur noch klein.
Fazit
Der eArztbrief ist der unterschätzte Hebel der Digitalisierung in Arztpraxen. Während eRezept und eAU längst Alltag sind, hakt es an der Schnittstelle zur Klinik. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Kliniken [2], obwohl 85 Prozent den digitalen Entlassbrief als nützlich erachten [2]. Diese Lücke ist eine Chance für Praxen, die bereit sind, voranzugehen. Die Digitalisierung endet nicht an der Praxistür, und wer das versteht, kann nicht nur Zeit sparen, sondern auch die Qualität der Versorgung verbessern. Die Technik ist da, die Praxen sind bereit - jetzt müssen die Prozesse folgen.