Die Digitalisierung in Arztpraxen nimmt Fahrt auf, doch der Graben zwischen Praxen und Kliniken bleibt tief. Was das für Ihre Praxis bedeutet und warum der Wille allein nicht reicht.
Bevor du startest
Die Digitalisierung in Arztpraxen ist kein Zukunftsthema mehr, sondern eine Gegenwartsaufgabe. Das PraxisBarometer Digitalisierung 2025 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zeigt: Die Nutzung des elektronischen Arztbriefs ist von 13 Prozent im Jahr 2018 auf jetzt 87 Prozent gestiegen [3]. Auch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und das eRezept sind im Versorgungsalltag angekommen: 78 Prozent der Praxen nutzen die eAU, 77 Prozent das eRezept [3].
Doch diese Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte. Denn während die Praxen selbst digitaler werden, klafft an der Schnittstelle zu den Kliniken eine Lücke: Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Krankenhäusern [3]. Und obwohl 85 Prozent der Praxen im digitalen Entlassbrief einen hohen Nutzen sehen, erhalten ihn nur 15 Prozent tatsächlich digital [3].
Dieser Beitrag richtet sich an Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber, die verstehen wollen, warum der digitale Wandel nicht nur eine technische, sondern auch eine strategische Frage ist. Es geht nicht darum, jede neue App zu installieren, sondern darum, die richtigen Prioritäten zu setzen. Der Digitalisierungsgrad Ihrer Praxis wird zunehmend zur Standortfrage: Patienten vergleichen Praxen online, bewerten ihre Erfahrungen und entscheiden sich für die Praxis, die ihnen den geringsten Reibungsverlust bietet.
Der Digital Health Report 2026 macht deutlich, wie hoch der Druck ist: 64 Prozent der Patienten haben schon einmal auf einen Arzttermin verzichtet, weil die Suche nach einer Praxis oder einem Termin zu schwierig war [5]. Das ist kein Randphänomen, sondern ein klarer Auftrag an alle Praxen, die im Wettbewerb um Patienten bestehen wollen.
Bevor Sie in die Umsetzung gehen, sollten Sie sich drei Fragen ehrlich beantworten: Erstens, wo genau steht Ihre Praxis heute - nicht im Vergleich zu anderen, sondern im Vergleich zu dem, was technisch möglich wäre? Zweitens, welche digitalen Werkzeuge würden Ihren Praxisalltag tatsächlich entlasten und nicht nur zusätzlich belasten? Und drittens, wie können Sie Ihr Team mitnehmen, denn Digitalisierung scheitert selten an der Technik, sondern meist an der Haltung der Menschen, die damit arbeiten sollen?
Der folgende Leitfaden führt Sie in neun Schritten durch den Prozess, Ihre Praxis fit für die digitale Zukunft zu machen. Nicht als theoretisches Konzept, sondern als praktische Anleitung mit konkreten Beispielen und Stolperfallen, die Sie vermeiden sollten.
Schritt 1: Den eigenen Digitalisierungsgrad ehrlich erfassen
Der erste Schritt ist der unbequemste: eine ehrliche Bestandsaufnahme. Viele Praxen schätzen ihren eigenen Digitalisierungsgrad höher ein, als er tatsächlich ist. Ein Faxgerät, das noch in der Ecke steht, ist kein Zeichen von Rückständigkeit, aber es ist ein Indikator dafür, dass nicht alle Prozesse digital laufen. Die KBV stellt dafür mit dem PraxisBarometer Digitalisierung ein Instrument bereit, das den Stand der Digitalisierung in den Praxen bundesweit und repräsentativ erhebt [8].
Beginnen Sie mit einer einfachen Checkliste: Wie viele Ihrer administrativen Prozesse laufen vollständig digital? Wie viele erfordern noch einen Medienbruch, also einen Wechsel zwischen digital und analog? Wo müssen Sie noch unterschreiben, ausdrucken, faxen oder einscannen? Jeder dieser Brüche ist eine Fehlerquelle und ein Zeitfresser.
Ein Praxisbeispiel: Eine Hausarztpraxis mit drei Ärzten und fünf Medizinischen Fachangestellten (MFAs) stellte fest, dass die eAU zwar digital versendet wurde, die Eingangsbestätigung aber ausgedruckt und abgeheftet wurde. Das ist ein typischer Medienbruch, der unnötig Zeit kostet und die Fehleranfälligkeit erhöht. Die Lösung war simpel: Die Bestätigungen werden nun digital im Praxisverwaltungssystem gespeichert, und das Abheften entfällt komplett.
Die Stolperfalle bei der Bestandsaufnahme ist die Selbsttäuschung. Viele Praxen sagen: “Wir sind doch schon digital, wir haben ein PVS und nutzen das eRezept.” Doch Digitalisierung ist mehr als die Nutzung einzelner Anwendungen. Es geht um durchgängige Prozesse, die ohne Medienbrüche funktionieren. Fragen Sie sich bei jedem Prozess: Kann ich diesen Vorgang komplett digital abbilden, oder brauche ich noch Papier, Stift oder Fax?
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Perspektive Ihres Teams. Die MFAs arbeiten täglich mit den Systemen und wissen am besten, wo es klemmt. Fragen Sie sie konkret: Welche Aufgabe nervt Sie am meisten? Wo müssen Sie doppelt erfassen? Wo warten Sie auf Informationen, die digital längst verfügbar wären? Diese Rückmeldungen sind Gold wert, denn sie zeigen Ihnen die tatsächlichen Schwachstellen, nicht die vermeintlichen.
Die KBV betont in ihrem PraxisBarometer, dass die Akzeptanz digitaler Anwendungen spürbar steigt, wenn sie zuverlässig laufen [3]. Das klingt banal, ist aber der Kern der Sache: Eine Anwendung, die ständig abstürzt oder umständlich zu bedienen ist, wird von Ihrem Team boykottiert - bewusst oder unbewusst. Deshalb ist die Bestandsaufnahme auch eine Bewertung der Zuverlässigkeit Ihrer Systeme.
Nehmen Sie sich für diesen Schritt ausreichend Zeit. Eine halbe Stunde pro Prozess ist realistisch. Dokumentieren Sie Ihre Ergebnisse schriftlich, denn sie bilden die Grundlage für alle weiteren Schritte. Am Ende sollten Sie ein klares Bild haben: Wo steht meine Praxis wirklich, und wo sind die größten Baustellen?
Schritt 2: Den Nutzen digitaler Anwendungen für Ihr Team greifbar machen
Digitalisierung scheitert oft nicht an der Technik, sondern an der Motivation der Menschen. Wenn Ihr Team den Nutzen einer neuen Anwendung nicht versteht, wird es sie nicht nutzen - oder nur widerwillig. Deshalb ist Schritt 2 entscheidend: Machen Sie den Nutzen für jeden Einzelnen greifbar.
Das PraxisBarometer zeigt, dass die Nutzung des elektronischen Arztbriefs besonders deutlich zugenommen hat - von 13 Prozent im Jahr 2018 auf jetzt 87 Prozent [3]. Das ist ein beeindruckender Zuwachs, aber er ist nicht von allein passiert. Er ist das Ergebnis von Überzeugungsarbeit, Schulungen und der Erkenntnis, dass der digitale Weg schneller und sicherer ist als der Papierweg.
Ein konkretes Beispiel: In einer orthopädischen Praxis wehrte sich eine langjährige MFA gegen die Umstellung auf den elektronischen Arztbrief. Sie argumentierte, der Papierbrief sei doch viel einfacher. Erst als sie erlebte, wie schnell ein digitaler Brief erstellt, versendet und archiviert werden kann - ohne dass sie den Briefkasten leeren oder das Faxgerät bedienen muss -, änderte sie ihre Meinung. Der Zeitgewinn war für sie der entscheidende Faktor.
Die Stolperfalle ist, den Nutzen nur abstrakt zu kommunizieren. Sätze wie “Das ist die Zukunft” oder “Das müssen wir jetzt so machen” überzeugen niemanden. Stattdessen sollten Sie konkret zeigen: Was bedeutet diese Anwendung für den Arbeitsalltag einer MFA? Wo spart sie Zeit? Wo reduziert sie Fehler? Wo macht sie die Arbeit angenehmer?
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Fehlerkultur. Digitale Anwendungen machen Fehler sichtbarer, weil sie Prozesse dokumentieren. Das kann verunsichern. Deshalb ist es wichtig, eine Kultur zu schaffen, in der Fehler nicht bestraft, sondern als Lernchance gesehen werden. Die Digitalisierung ist kein Perfektionsprojekt, sondern ein Verbesserungsprozess.
Die KBV-Vorstandsmitglied Sibylle Steiner betont, dass die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen die Digitalisierung mit großem Einsatz vorantreiben [3]. Dieser Einsatz muss auch im Team anerkannt und wertgeschätzt werden. Loben Sie Ihre MFAs, wenn sie neue Anwendungen ausprobieren und Rückmeldung geben. Schaffen Sie Anreize für diejenigen, die sich besonders engagieren.
Denken Sie auch an diejenigen, die mit der Digitalisierung hadern. Oft sind es die älteren Mitarbeiterinnen, die Angst haben, den Anschluss zu verlieren. Nehmen Sie diese Ängste ernst und bieten Sie gezielte Unterstützung an. Eine gute Schulung ist die halbe Miete - aber sie muss regelmäßig wiederholt werden, denn Anwendungen ändern sich, und Wissen veraltet.
Schritt 3: Die elektronische Patientenakte als Herzstück der digitalen Praxis
Die elektronische Patientenakte (ePA) ist das Herzstück der digitalen Praxis. Sie bündelt alle relevanten Gesundheitsdaten eines Patienten und macht sie für alle Behandler zugänglich. Die gematik, die für die Telematikinfrastruktur zuständige Organisation, veröffentlicht mit dem TI-Atlas 2026 einen umfassenden Überblick zum Stand der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens und zeigt, wie die elektronische Patientenakte und Medikationspläne die Versorgung verbessern [7].
Für Ihre Praxis bedeutet die ePA eine enorme Chance: Sie können schneller auf Vorbefunde zugreifen, Doppeluntersuchungen vermeiden und die Behandlungsqualität steigern. Doch die ePA ist auch eine Herausforderung, denn sie erfordert neue Arbeitsabläufe und ein Umdenken im Umgang mit Patientendaten.
Ein Praxisbeispiel: Eine internistische Praxis nutzt die ePA, um bei neuen Patienten schnell auf frühere Befunde zuzugreifen. Früher mussten die Patienten ihre Unterlagen selbst mitbringen, oft waren sie unvollständig. Heute kann die Praxis die relevanten Daten direkt aus der ePA abrufen - das spart Zeit und verbessert die Diagnosequalität.
Die Stolperfalle bei der ePA ist die unvollständige Nutzung. Viele Praxen aktivieren die ePA, nutzen sie aber nur sporadisch. Das führt zu Frustration, weil die Datenbasis unvollständig bleibt. Der Schlüssel ist die konsequente Nutzung: Jeder Befund, jeder Arztbrief, jeder Medikationsplan gehört in die ePA.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Datenschutz. Die ePA ist DSGVO-konform aufgebaut, aber Sie müssen sicherstellen, dass Ihre Mitarbeiterinnen die Datenschutzregeln kennen und einhalten. Das ist nicht nur eine rechtliche Pflicht, sondern auch eine Frage des Vertrauens Ihrer Patienten.
Der TI-Atlas 2026 zeigt, wie die Digitalisierung das Gesundheitswesen verändert [7]. Die ePA ist dabei ein zentraler Baustein. Doch sie ist kein Selbstläufer: Sie braucht engagierte Praxen, die sie aktiv mit Leben füllen. Investieren Sie in Schulungen für Ihr Team und machen Sie die ePA zum festen Bestandteil Ihrer Arbeitsabläufe.
Die Kommunikation mit den Patienten ist ebenfalls wichtig. Viele Patienten wissen nicht, was die ePA ist und welche Vorteile sie bietet. Erklären Sie Ihren Patienten, warum die ePA sinnvoll ist und wie sie von ihr profitieren. Das schafft Vertrauen und erhöht die Bereitschaft, Daten freizugeben.
Schritt 4: Den digitalen Entlassbrief als Chance begreifen
Der digitale Entlassbrief ist ein Paradebeispiel für die Diskrepanz zwischen Wollen und Können im deutschen Gesundheitswesen. Obwohl 85 Prozent der Praxen einen hohen Nutzen darin sehen, erhalten ihn nur 15 Prozent tatsächlich digital [3]. Diese Lücke ist ein Ärgernis, aber auch eine Chance für Ihre Praxis.
Warum ist der digitale Entlassbrief so wichtig? Er schließt die Lücke zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Wenn ein Patient aus dem Krankenhaus entlassen wird, braucht die weiterbehandelnde Praxis die relevanten Informationen - schnell und vollständig. Der digitale Entlassbrief kann das leisten, der Papierbrief nicht.
Ein Praxisbeispiel: Eine Hausarztpraxis erhält regelmäßig Entlassbriefe von einem nahegelegenen Krankenhaus. Die meisten kommen per Fax, viele sind schwer lesbar, manche gehen verloren. Die Praxis hat deshalb begonnen, aktiv auf die Klinik zuzugehen und den digitalen Austausch anzufragen. Erste Erfolge sind sichtbar: Einige Abteilungen liefern inzwischen digitale Briefe.
Die Stolperfalle ist die Resignation. Viele Praxen denken: “Die Kliniken sind doch eh nicht digital, da kann ich nichts machen.” Doch das ist falsch. Sie können aktiv werden: Fragen Sie bei Ihren Klinikkontakten nach, ob ein digitaler Austausch möglich ist. Bieten Sie an, die technischen Voraussetzungen zu klären. Je mehr Praxen nachfragen, desto größer wird der Druck auf die Kliniken.
Die KBV kritisiert, dass Krankenhäuser noch viel zu oft im Papierzeitalter verhaftet sind [3]. Diese Kritik ist berechtigt, aber sie entbindet die Praxen nicht von der Verantwortung, den Wandel voranzutreiben. Wer den digitalen Entlassbrief möchte, muss aktiv werden - und nicht nur darauf warten, dass die Kliniken von selbst liefern.
Ein weiterer Aspekt ist die interne Organisation: Wie verarbeiten Sie den digitalen Entlassbrief, wenn Sie ihn erhalten? Haben Sie einen definierten Prozess, oder wird er ausgedruckt und abgeheftet wie der Papierbrief? Nur wenn Sie den digitalen Brief auch digital verarbeiten, profitieren Sie von seinen Vorteilen.
Schritt 5: Das eRezept und die eAU als Alltagshelfer etablieren
Das eRezept und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) sind die Alltagshelfer der digitalen Praxis. 77 Prozent der Praxen nutzen das eRezept, 78 Prozent die eAU [3]. Diese Anwendungen sind aus dem Praxisalltag nicht mehr wegzudenken - und doch gibt es noch immer Praxen, die sie nur widerwillig nutzen.
Das eRezept erspart den Patienten den Weg zur Praxis, nur um ein Rezept abzuholen. Es reduziert die Fehlerquote bei der Übertragung und beschleunigt den gesamten Prozess. Die eAU erspart den Patienten den Gang zur Praxis für eine Bescheinigung, die der Arbeitgeber ohnehin digital erhält. Beide Anwendungen sind ein Gewinn für alle Beteiligten.
Ein Praxisbeispiel: Eine Kinderarztpraxis hat das eRezept konsequent eingeführt. Die Eltern schätzen es, dass sie Rezepte nicht mehr persönlich abholen müssen, sondern sie direkt in der Apotheke einlösen können. Die Praxis spart Zeit, weil sie keine Rezepte mehr ausdrucken und unterschreiben muss.
Die Stolperfalle ist die halbherzige Einführung. Manche Praxen bieten das eRezept an, nutzen es aber nicht aktiv. Sie warten darauf, dass die Patienten danach fragen. Das ist der falsche Ansatz: Sie sollten das eRezept aktiv bewerben und den Patienten erklären, wie es funktioniert. Nur so wird es zum Standard.
Die eAU ist ähnlich: Sie ist nur dann ein Gewinn, wenn sie konsequent genutzt wird. Wenn Ihre Praxis die eAU nur sporadisch versendet und stattdessen weiterhin Papierbescheinigungen ausstellt, verpassen Sie den Anschluss. Stellen Sie Ihre Prozesse komplett auf die eAU um - das schafft Klarheit für Ihr Team und Ihre Patienten.
Ein weiterer Aspekt ist die Fehlerbehebung. Wenn das eRezept oder die eAU nicht funktionieren, ist die Versuchung groß, auf den Papierweg zurückzufallen. Doch das ist ein Rückschritt. Stattdessen sollten Sie die Fehler analysieren und beheben - notfalls mit Unterstützung Ihres PVS-Herstellers oder der KBV.
Schritt 6: Die Kommunikation mit Kliniken digitalisieren
Die digitale Kommunikation mit Kliniken ist die größte Baustelle der Praxisdigitalisierung. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Krankenhäusern [3]. Das ist ein Missstand, der Patienten direkt betrifft: Sie leiden unter Verzögerungen, Doppeluntersuchungen und Informationsverlusten.
Warum ist die digitale Kommunikation so wichtig? Wenn ein Patient zwischen Praxis und Klinik wechselt, müssen alle relevanten Informationen schnell und sicher übertragen werden. Der digitale Austausch kann das leisten, der Fax- und Papierweg nicht. Doch die Realität sieht anders aus: Viele Praxen müssen immer noch zum Faxgerät greifen, obwohl sie selbst digital arbeiten [3].
Ein Praxisbeispiel: Eine dermatologische Praxis hat mit einer nahegelegenen Klinik einen digitalen Austausch etabliert. Überweisungen und Befunde werden elektronisch übertragen, der Entlassbrief kommt digital zurück. Die Praxis spart Zeit, und die Patienten profitieren von einer nahtlosen Versorgung.
Die Stolperfalle ist die passive Haltung. Viele Praxen warten darauf, dass die Kliniken den ersten Schritt machen. Doch das ist unrealistisch: Die Kliniken haben andere Prioritäten, und der Druck von außen fehlt. Deshalb sollten Sie aktiv werden: Kontaktieren Sie Ihre wichtigsten Klinikpartner und schlagen Sie einen digitalen Austausch vor.
Ein weiterer Aspekt ist die Technik. Der digitale Austausch erfordert kompatible Systeme und klare Prozesse. Klären Sie mit Ihrem PVS-Hersteller, welche Schnittstellen verfügbar sind und wie Sie den Austausch technisch umsetzen können. Die KBV bietet hierfür Unterstützung und Informationen [8].
Die digitale Kommunikation mit Kliniken ist kein Selbstläufer, aber sie ist machbar. Mit Geduld, Beharrlichkeit und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen, können Sie die Lücke schließen - und Ihre Praxis zur ersten Adresse für Patienten machen, die eine nahtlose Versorgung schätzen.
Schritt 7: Das Praxisteam zur treibenden Kraft machen
Digitalisierung ist Teamarbeit. Die besten Systeme nützen nichts, wenn das Team sie nicht nutzt oder sogar boykottiert. Deshalb ist Schritt 7 entscheidend: Machen Sie Ihr Praxisteam zur treibenden Kraft der Digitalisierung - nicht zum Bremsklotz.
Das PraxisBarometer zeigt, dass die Akzeptanz digitaler Anwendungen spürbar steigt, wenn sie zuverlässig laufen [3]. Das ist eine wichtige Erkenntnis: Die Technik muss funktionieren, aber sie muss auch verstanden und akzeptiert werden. Deshalb ist die Schulung des Teams genauso wichtig wie die Technik selbst.
Ein Praxisbeispiel: Eine gynäkologische Praxis hat ein “Digital-Team” gebildet, das aus zwei jüngeren MFAs besteht. Diese beiden sind die Ansprechpartnerinnen für alle digitalen Fragen, testen neue Anwendungen und schulen ihre Kolleginnen. Das hat die Akzeptanz enorm erhöht, weil die Kolleginnen sich von ihren eigenen Leuten abgeholt fühlen.
Die Stolperfalle ist die Überforderung. Wenn Sie alle digitalen Neuerungen auf einmal einführen, ist das Team überfordert. Deshalb ist eine Priorisierung wichtig: Führen Sie nicht mehr als eine oder zwei Neuerungen gleichzeitig ein, und geben Sie dem Team Zeit, sich daran zu gewöhnen.
Ein weiterer Aspekt ist die Wertschätzung. Digitalisierung bedeutet oft Mehrarbeit in der Umstellungsphase. Diese Mehrarbeit muss anerkannt werden - sei es durch Lob, durch flexible Arbeitszeiten oder durch andere Anreize. Wer das nicht tut, demontiert die Motivation des Teams.
Die KBV betont, dass die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen die Digitalisierung mit großem Einsatz vorantreiben [3]. Dieser Einsatz verdient Anerkennung - und er braucht Unterstützung. Stellen Sie sicher, dass Ihr Team die Ressourcen hat, um die Digitalisierung zu meistern: Zeit für Schulungen, Ansprechpartner für Fragen und die Freiheit, Fehler zu machen und daraus zu lernen.
Schritt 8: Den Nutzen für Patienten sichtbar machen
Digitalisierung ist kein Selbstzweck - sie muss den Patienten nutzen. Deshalb ist Schritt 8 entscheidend: Machen Sie den Nutzen digitaler Anwendungen für Ihre Patienten sichtbar. Das schafft Akzeptanz und bindet Patienten an Ihre Praxis.
Der Digital Health Report 2026 zeigt, dass 64 Prozent der Patienten schon einmal auf einen Arzttermin verzichtet haben, weil die Suche nach einer Praxis oder einem Termin zu schwierig war [5]. Das ist ein alarmierender Befund: Die Hürden für den Zugang zur Versorgung sind zu hoch. Digitalisierung kann diese Hürden senken - wenn sie richtig eingesetzt wird.
Ein Praxisbeispiel: Eine HNO-Praxis hat ihre Website überarbeitet und bietet Online-Terminbuchung an. Die Patientinnen und Patienten schätzen es, dass sie rund um die Uhr Termine buchen können, ohne telefonieren zu müssen. Die Praxis hat dadurch weniger Anrufe, und die Patienten sind zufriedener.
Die Stolperfalle ist die Kommunikation. Wenn Ihre Patienten nicht wissen, welche digitalen Angebote Sie haben, nutzen sie sie nicht. Deshalb ist es wichtig, Ihre digitalen Angebote aktiv zu bewerben - auf der Website, im Wartezimmer, im persönlichen Gespräch. Erklären Sie den Nutzen: weniger Wartezeit, mehr Flexibilität, bessere Erreichbarkeit.
Ein weiterer Aspekt ist die Barrierefreiheit. Nicht alle Patienten sind digital affin. Ältere Patienten oder Menschen mit geringen digitalen Kenntnissen brauchen weiterhin den persönlichen Kontakt. Digitalisierung ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch: Sie sollten digitale Angebote schaffen, ohne diejenigen zu vernachlässigen, die sie nicht nutzen können oder wollen.
Die KBV betont, dass digitale Anwendungen die Versorgung verbessern [3]. Diese Verbesserung müssen Sie Ihren Patienten zeigen: schnellere Terminvergabe, weniger Wartezeit, bessere Kommunikation. Wenn Ihre Patienten den Nutzen spüren, werden sie zu Botschaftern Ihrer Praxis.
Schritt 9: Digitalisierung als kontinuierlichen Prozess etablieren
Digitalisierung ist kein Projekt mit Anfang und Ende, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Deshalb ist Schritt 9 entscheidend: Etablieren Sie Digitalisierung als festen Bestandteil Ihrer Praxisstrategie - nicht als einmalige Aktion, sondern als dauerhafte Aufgabe.
Die gematik veröffentlicht mit dem TI-Atlas 2026 einen umfassenden Überblick zum Stand der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens [7]. Diese Transparenz ist wichtig, denn sie zeigt: Die Digitalisierung schreitet voran, aber sie ist nicht abgeschlossen. Es gibt immer neue Anwendungen, neue Möglichkeiten, neue Herausforderungen.
Ein Praxisbeispiel: Eine allgemeinmedizinische Praxis hat feste monatliche Termine für das Thema Digitalisierung eingeplant. Immer am ersten Montag im Monat trifft sich das Team für eine halbe Stunde, um über digitale Themen zu sprechen: Was funktioniert gut? Wo gibt es Probleme? Welche Neuerungen gibt es? Das hält das Thema präsent und verhindert, dass die Digitalisierung einschläft.
Die Stolperfalle ist der Stillstand. Viele Praxen führen eine digitale Anwendung ein und denken dann, sie seien fertig. Doch die Digitalisierung ist nie fertig: Es gibt immer Verbesserungspotenzial, immer neue Anwendungen, immer neue Anforderungen. Wer stehen bleibt, fällt zurück.
Ein weiterer Aspekt ist die Strategie. Digitalisierung sollte nicht nur reaktiv sein - also auf Anforderungen reagieren -, sondern aktiv: Welche digitalen Anwendungen können Ihre Praxis voranbringen? Welche Prozesse können Sie verbessern? Welche neuen Angebote können Sie schaffen? Diese strategische Perspektive unterscheidet die Vorreiter von den Nachzüglern.
Die KBV führt mit dem PraxisBarometer Digitalisierung eine bundesweite, repräsentative Befragung durch, um den Stand der Digitalisierung zu beleuchten [8]. Nutzen Sie diese Erkenntnisse für Ihre eigene Strategie. Vergleichen Sie sich mit anderen Praxen, lernen Sie von den Besten, und setzen Sie sich ehrgeizige, aber realistische Ziele.
Häufige Fehler
Der erste häufige Fehler ist die Selbstüberschätzung. Viele Praxen halten sich für digitaler, als sie sind. Sie nutzen das eRezept und die eAU, aber sie haben immer noch Faxgeräte, Papierakten und Medienbrüche. Die ehrliche Bestandsaufnahme ist unangenehm, aber notwendig.
Der zweite Fehler ist die Fokussierung auf die Technik statt auf die Menschen. Die beste Anwendung nützt nichts, wenn das Team sie nicht nutzt. Deshalb ist die Schulung und Motivation des Teams genauso wichtig wie die Technik selbst.
Der dritte Fehler ist die Resignation bei der Kommunikation mit Kliniken. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Kliniken [3]. Viele Praxen akzeptieren das als gegeben, statt aktiv auf die Kliniken zuzugehen. Doch wer den digitalen Austausch will, muss ihn einfordern.
Der vierte Fehler ist die Vernachlässigung des Nutzens für Patienten. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss den Patienten nutzen: weniger Wartezeit, bessere Erreichbarkeit, nahtlose Versorgung. Wer den Patientennutzen aus den Augen verliert, verliert die Patienten.
Der fünfte Fehler ist der Stillstand. Digitalisierung ist ein kontinuierlicher Prozess. Wer eine Anwendung einführt und dann aufhört, fällt zurück. Etablieren Sie Digitalisierung als dauerhafte Aufgabe mit festen Terminen und klaren Verantwortlichkeiten.
Der sechste Fehler ist die Überforderung. Wer alle digitalen Neuerungen auf einmal einführt, überfordert das Team. Priorisieren Sie: Führen Sie nicht mehr als eine oder zwei Neuerungen gleichzeitig ein, und geben Sie dem Team Zeit, sich daran zu gewöhnen.
Der siebte Fehler ist die Ignoranz gegenüber dem Datenschutz. Die Digitalisierung bringt neue Datenschutzanforderungen mit sich. Wer diese ignoriert, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch das Vertrauen der Patienten.
Nächste Schritte
Sie haben jetzt einen umfassenden Überblick über die Digitalisierung in Ihrer Praxis. Der nächste Schritt ist die Umsetzung. Beginnen Sie mit der ehrlichen Bestandsaufnahme, dann priorisieren Sie die ersten Maßnahmen. Setzen Sie sich realistische Ziele und einen Zeitplan.
Ein erster konkreter Schritt: Planen Sie einen Termin mit Ihrem Team, um die Bestandsaufnahme durchzuführen. Fragen Sie Ihre MFAs, wo es klemmt, und dokumentieren Sie die Ergebnisse. Das ist die Grundlage für alle weiteren Schritte.
Ein zweiter Schritt: Wählen Sie eine digitale Anwendung, die Sie als Nächstes einführen oder verbessern wollen. Das kann die ePA sein, das eRezept oder die Online-Terminbuchung. Setzen Sie klare Ziele und messen Sie den Erfolg.
Ein dritter Schritt: Gehen Sie aktiv auf Ihre wichtigsten Klinikpartner zu und schlagen Sie einen digitalen Austausch vor. Erklären Sie den Nutzen für beide Seiten und klären Sie die technischen Voraussetzungen. Je mehr Praxen das tun, desto schneller schließt sich die Lücke.
Die Digitalisierung ist eine Reise, kein Ziel. Sie werden nicht alle Probleme auf einmal lösen, aber Sie können Schritt für Schritt vorankommen. Der Graben zwischen Wollen und Können ist überwindbar - mit Geduld, Beharrlichkeit und der richtigen Strategie.
Wenn Sie Unterstützung bei der Kommunikation mit Ihren Patienten suchen, kann ein WhatsApp-Newsletter helfen, aus einmaligen Gästen treue Stammgäste zu machen. Ein Dienst wie WhatsUp übernimmt dabei das komplette Setup: Landingpage, WhatsApp-Templates und die Meta-Verifizierung.
Doch die Digitalisierung ist mehr als ein Newsletter. Es geht um die durchgängige Digitalisierung Ihrer Praxisprozesse, um die Kommunikation mit Kliniken und um die Einbindung Ihres Teams. Nutzen Sie die Erkenntnisse des PraxisBarometers, den TI-Atlas der gematik und die Erfahrungen anderer Praxen, um Ihre eigene Strategie zu entwickeln.