Die Digitalisierung in Arztpraxen ist kein Zukunftsthema mehr, sondern eine Standortfrage. Während die einen Praxen längst digital kommunizieren, hinken andere hinterher. Der Graben zwischen Wollen und Können wird 2026 zur Weichenstellung für den Praxiserfolg.

Digitalisierung in der Arztpraxis: Der Graben zwischen Wollen und Können wird 2026 zur Standortfrage

Die Digitalisierung in der Arztpraxis ist kein Zukunftsthema mehr, sondern eine Standortfrage. Das zeigen die aktuellen Zahlen des PraxisBarometer Digitalisierung 2025 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): Während der elektronische Arztbrief inzwischen von 87 Prozent der Praxen regelmäßig genutzt wird - 2018 waren es lediglich 13 Prozent [4][5] -, klafft an anderer Stelle weiterhin eine tiefe Lücke. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Krankenhäusern [4]. Und obwohl 85 Prozent der Praxen einen hohen Nutzen im digitalen Entlassbrief sehen, erhalten ihn tatsächlich nur 15 Prozent digital [4]. Das ist der Kern des Problems: Der Wille ist da, die Umsetzung hakt. Und genau dieser Graben zwischen Wollen und Können entscheidet zunehmend darüber, ob eine Praxis für Neupatienten sichtbar bleibt oder nicht.

Dabei ist die Ausgangslage paradox. Einerseits treiben die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte die Digitalisierung in ihren Praxen mit beachtlichem Einsatz voran, wie es KBV-Vorstandsmitglied Sibylle Steiner bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin formulierte [4]. Andererseits zeigt sich in der Ärzteschaft selbst eine tiefe Spaltung. Während 86 Prozent der Klinik-Ärzte in der Digitalisierung primär Chancen für das Gesundheitswesen sehen, betonen nur 53 Prozent der Praxis-Ärzte die Chancen - und 39 Prozent die Risikoperspektive [3]. Diese Zahlen stammen zwar aus dem Jahr 2021, aber sie erklären ein grundlegendes Muster: Wer in der Digitalisierung primär ein Risiko sieht, wird weniger Energie in die Umsetzung stecken. Und wer weniger Energie investiert, wird schneller abgehängt.

Hinzu kommt ein Generationen- und Geschlechtereffekt, der die Dynamik weiter verstärkt. 88 Prozent der unter 45-jährigen Ärzte sehen die Digitalisierung als Chance, aber nur jeder zweite Arzt ab 45 Jahren [3]. Bei den Frauen sind es 74 Prozent, bei den Männern nur 63 Prozent [3]. Das bedeutet: Der Graben verläuft nicht nur zwischen Praxen, sondern auch innerhalb des Berufsstands. Und er wird sich in den kommenden Jahren weiter vertiefen, wenn die jüngere Generation nachrückt.

Die entscheidende Frage für Praxisinhaber lautet daher nicht mehr, ob sie digitalisieren sollten. Die Frage lautet: Wie überwinde ich den Graben zwischen meinem Wollen und meinem tatsächlichen Können? Denn die Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um die Versorgung zu verbessern, Zeit zu sparen und für Patienten erreichbar zu sein. Wer diese Werkzeuge nicht beherrscht, wird es schwer haben - nicht nur bei der Gewinnung neuer Patienten, sondern auch bei der Bindung der Bestandspatienten.

Warum der Wille allein nicht reicht: Die versteckten Bremsen in der Praxis

Der Wille ist die eine Sache, die Umsetzung eine andere. Das zeigt sich besonders deutlich beim elektronischen Arztbrief. Von 13 Prozent im Jahr 2018 auf 87 Prozent im Jahr 2025 [4][5] - das ist eine beeindruckende Entwicklung. Aber sie offenbart auch, wie lange solche Umstellungen dauern können. Sieben Jahre hat es gedauert, bis der elektronische Arztbrief zum Standard wurde. Und das nur, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmten und die Anwendungen zuverlässig liefen. KBV-Vorstandsmitglied Sibylle Steiner bringt es auf den Punkt: Wenn digitale Anwendungen zuverlässig laufen, steigt auch ihre Akzeptanz spürbar [4].

Das ist der Schlüssel zum Verständnis des Grabens. Es ist selten böser Wille, der Praxen zurückhält. Es sind konkrete Hürden im Alltag: eine Praxissoftware, die nicht intuitiv bedienbar ist, Schnittstellen, die nicht sauber funktionieren, oder schlicht fehlende Zeit für die Einarbeitung. In einer Praxis, in der das Telefon ununterbrochen klingelt und das Wartezimmer voll ist, bleibt wenig Raum für technische Experimente. Und genau hier setzt die eigentliche Arbeit an: Es braucht Strukturen, die die Digitalisierung in den Praxisalltag integrieren, statt sie als Zusatzbelastung zu empfinden.

Ein weiterer Bremsfaktor ist die Kommunikation mit den Krankenhäusern. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Kliniken [4]. Diese Diskrepanz ist kein technisches Problem, sondern ein strukturelles. Die Praxen sind vorbereitet, aber die Kliniken hinken hinterher. Sibylle Steiner kritisiert das deutlich: Während die Praxen längst digital kommunizieren, sind Krankenhäuser noch viel zu oft im Papierzeitalter verhaftet [4].

Für die einzelne Praxis bedeutet das: Sie kann den Graben nicht allein überwinden, wenn die Gegenstelle nicht mitspielt. Aber sie kann ihre eigenen Prozesse so gestalten, dass sie für den Moment gerüstet ist, in dem die Kliniken nachziehen. Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel: Digitalisierung ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Wer diesen Prozess aktiv gestaltet, statt ihn zu erleiden, wird langfristig die Nase vorn haben.

Die Patientenperspektive: Warum digitale Zugänge über Terminverzicht entscheiden

Der Graben zwischen Wollen und Können bekommt eine ganz konkrete Bedeutung, wenn man die Patientenseite betrachtet. Der Digital Health Report 2026 macht deutlich: 64 Prozent der Patienten haben schon einmal auf einen Arzttermin verzichtet, weil die Suche nach einer Praxis oder einem Termin zu schwierig war [7]. Das ist eine massive Zahl. Sie zeigt, dass die Erreichbarkeit einer Praxis längst über den Behandlungserfolg mitentscheidet. Wer nicht digital auffindbar ist oder keine Online-Terminbuchung anbietet, verliert potenzielle Patienten - nicht weil die medizinische Qualität schlecht wäre, sondern weil der Zugang zu kompliziert ist.

Diese Entwicklung wird durch die Digitalisierung der Patienten selbst verstärkt. Bereits 2018 gaben 56 Prozent der befragten Patienten in einer Studie der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank) an, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen für sie eine Erleichterung des Zugangs zur ärztlichen sowie pharmazeutischen Versorgung darstelle [6]. Das war vor acht Jahren. Seitdem ist die Erwartungshaltung der Patienten weiter gestiegen. Sie wollen Termine online buchen können, sie wollen Befunde digital erhalten, und sie wollen nicht stundenlang in der Warteschleife hängen.

Die Praxis, die diesen Erwartungen nicht entspricht, wird unsichtbar - nicht im Sinne von nicht existent, sondern im Sinne von nicht wahrgenommen. Und das ist ein schleichender Prozess. Es vergehen oft Monate, bis eine Praxis merkt, dass die Neupatientenzahlen zurückgehen. Bis dahin haben sich die Patienten längst andere Wege gesucht. Die 64 Prozent, die schon einmal auf einen Termin verzichtet haben [7], sind keine abstrakte Statistik, sondern reale Menschen, die eine andere Praxis aufsuchen - oder ganz auf den Arztbesuch verzichten.

Für die Praxis bedeutet das: Die Digitalisierung ist nicht nur eine Frage der internen Effizienz, sondern auch der externen Wahrnehmung. Wer digital fit ist, signalisiert Patienten: Wir sind modern, wir sind erreichbar, wir nehmen eure Bedürfnisse ernst. Wer digital abgehängt ist, signalisiert das Gegenteil - oft ohne es zu wollen. Der Graben zwischen Wollen und Können wird damit zur Standortfrage: Er entscheidet darüber, ob eine Praxis im Wettbewerb um Patienten mithalten kann oder nicht.

Ein Blick in die Praxis: Wo die Digitalisierung wirklich ankommt

Um den Graben zwischen Wollen und Können zu verstehen, lohnt ein Blick in den Praxisalltag. Nehmen wir eine typische Hausarztpraxis in einer mittelgroßen Stadt. Die Ärztin ist Anfang fünfzig, sie führt die Praxis seit zwanzig Jahren, ihr Team ist eingespielt. Sie sieht die Digitalisierung grundsätzlich als Chance - sie gehört zu den 53 Prozent der Praxis-Ärzte, die Chancen betonen [3]. Aber sie erlebt auch die Risikoperspektive: Die Umstellung auf das eRezept hat Zeit gekostet, die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) musste erst eingespielt werden, und die Kommunikation mit dem örtlichen Krankenhaus funktioniert weiterhin nur per Fax.

Diese Praxis ist kein Einzelfall, sondern repräsentativ für viele. Sie nutzt inzwischen den elektronischen Arztbrief, weil er zuverlässig funktioniert. Sie nutzt die eAU und das eRezept - 78 Prozent der Praxen nutzen die eAU, 77 Prozent das eRezept [4]. Aber sie hat noch keinen digitalen Empfang, keine Online-Terminbuchung, keine strukturierte KI-Unterstützung. Nicht weil sie das nicht wollte, sondern weil die Prioritäten woanders lagen. Und genau hier liegt das Problem: Die Digitalisierung wird oft als Zusatzbelastung wahrgenommen, nicht als Entlastung. Dabei kann sie genau das sein - wenn sie richtig umgesetzt wird.

Die gute Nachricht: Es gibt bereits Praxen, die den Graben überwunden haben. Sie haben erkannt, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern ein Werkzeug, um Zeit zu sparen und die Versorgung zu verbessern. Sie haben klare Prioritäten gesetzt, ihr Team geschult und die Technik an ihre Bedürfnisse angepasst. Das Ergebnis: weniger Faxgerät, weniger Papierkram, mehr Zeit für die Patienten. Diese Praxen sind die Vorreiter - und sie zeigen, dass der Graben überwindbar ist, wenn man ihn systematisch angeht.

Der entscheidende Unterschied zwischen den Praxen, die vorankommen, und denen, die zurückbleiben, ist nicht das Alter der Ärzte oder die Größe der Praxis. Es ist die Haltung. Wer die Digitalisierung als Chance begreift und bereit ist, sich anzupassen, wird Wege finden. Wer sie als Bedrohung sieht, wird Hindernisse finden. Die Zahlen des Bitkom und Hartmannbund untermauern das: Die Ärzteschaft ist gespalten - nicht in digital-affin und digital-skeptisch, sondern in Menschen, die Chancen sehen, und Menschen, die Risiken sehen [3]. Und diese Haltung prägt den Alltag.

Die Rolle des Teams: Warum Digitalisierung eine Gemeinschaftsaufgabe ist

Ein Aspekt wird in der Diskussion um die Digitalisierung oft übersehen: das Praxisteam. Die Ärztin oder der Arzt mag die strategische Richtung vorgeben, aber die Umsetzung liegt bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie sind es, die mit der neuen Software arbeiten müssen, die die eAU ausstellen, die das eRezept einlösen und die den digitalen Entlassbrief bearbeiten. Wenn das Team nicht mitgenommen wird, scheitert jede Digitalisierungsinitiative - egal wie gut die Technik ist.

Das erklärt auch, warum der Graben zwischen Wollen und Können so hartnäckig ist. Es reicht nicht, eine neue Software anzuschaffen und zu hoffen, dass alle sie nutzen. Es braucht Schulungen, es braucht Zeit zum Einüben, und es braucht eine Kultur, die Fehler erlaubt. In vielen Praxen fehlt diese Kultur. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ohnehin am Limit, die Patienten warten, und dann kommt auch noch eine neue Software, die erst einmal eingearbeitet werden muss. Kein Wunder, dass viele Praxen lieber beim Bewährten bleiben - auch wenn das Bewährte ineffizient ist.

Dabei zeigt die Erfahrung: Wenn die digitalen Anwendungen zuverlässig laufen, steigt auch ihre Akzeptanz spürbar [4]. Das ist ein wichtiger Hinweis für die Praxisleitung. Statt das Team mit einer Flut von Neuerungen zu überfordern, sollte man in kleinen Schritten vorgehen. Erst der elektronische Arztbrief, dann die eAU, dann das eRezept. Jeder Erfolg stärkt das Vertrauen in die Technik und motiviert für den nächsten Schritt. So wird aus einem mühsamen Pflichtprogramm ein Prozess, der das Team entlastet und die Praxis voranbringt.

Ein weiterer Punkt: Die Digitalisierung betrifft nicht nur die Ärzte, sondern auch die medizinischen Fachangestellten. Sie sind die ersten Ansprechpartner für die Patienten, sie führen die Terminkalender, sie verwalten die Patientenakten. Wenn sie die digitalen Werkzeuge beherrschen, profitieren alle - die Praxis, die Patienten und nicht zuletzt sie selbst. Deshalb sollte die Schulung des Teams genauso selbstverständlich sein wie die Anschaffung neuer Technik. Wer in sein Team investiert, investiert in die Zukunft der Praxis.

Kommunikation als Schlüssel: Warum der digitale Graben auch ein Kommunikationsproblem ist

Der Graben zwischen Wollen und Können ist nicht nur ein technisches Problem, sondern auch ein Kommunikationsproblem. Das zeigt sich besonders deutlich im Austausch zwischen Praxen und Krankenhäusern. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Kliniken [4]. Das bedeutet: Die überwiegende Mehrheit der Praxen ist auf das Faxgerät angewiesen, wenn es um die Kommunikation mit den Kliniken geht. Das ist nicht nur ineffizient, sondern auch fehleranfällig. Und es kostet Zeit, die für die Patientenversorgung verloren geht.

Die Ursache für dieses Kommunikationsproblem liegt nicht bei den Praxen, sondern bei den Kliniken. Sibylle Steiner kritisiert das deutlich: Während die Praxen längst digital kommunizieren, sind Krankenhäuser noch viel zu oft im Papierzeitalter verhaftet [4]. Die Praxen sind also bereit, aber die Gegenstelle spielt nicht mit. Das ist eine frustrierende Situation, denn die Praxis kann den digitalen Entlassbrief nicht erzwingen, wenn die Klinik ihn nicht liefert. Sie kann nur ihre eigenen Prozesse optimieren und darauf hoffen, dass die Kliniken nachziehen.

Dennoch gibt es Handlungsspielräume. Die Praxis kann mit den Kliniken in ihrer Region das Gespräch suchen, auf die Vorteile des digitalen Austauschs hinweisen und gemeinsame Standards entwickeln. Das ist mühsam, aber es lohnt sich. Denn je mehr Praxen den digitalen Austausch einfordern, desto schneller werden die Kliniken reagieren. Und je mehr Kliniken digital liefern, desto größer wird der Nutzen für alle Beteiligten.

Ein weiterer Kommunikationsaspekt betrifft die Patienten. Mehr als die Hälfte der Praxen kommuniziert bereits überwiegend digital mit Patientinnen und Patienten [5]. Das ist eine positive Entwicklung, aber sie ist nicht überall angekommen. Viele Praxen setzen noch auf analoge Kommunikation - Zettel, Telefon, persönliche Gespräche. Das ist nicht per se schlecht, aber es wird den Erwartungen vieler Patienten nicht mehr gerecht. Die 64 Prozent, die schon einmal auf einen Termin verzichtet haben, weil die Suche zu schwierig war [7], zeigen: Die Patienten wollen digitale Zugänge. Und wer sie nicht bietet, verliert.

Von 13 auf 87 Prozent: Was der elektronische Arztbrief über den Digitalisierungsprozess lehrt

Der elektronische Arztbrief ist das beste Beispiel dafür, wie Digitalisierung in der Arztpraxis gelingen kann - und wie lange sie dauert. Von 13 Prozent im Jahr 2018 auf 87 Prozent im Jahr 2025 [4][5]: Das ist ein Anstieg um das Sechseinhalbfache in sieben Jahren. Aber es ist auch ein Beispiel dafür, dass solche Umstellungen Zeit brauchen. Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Und sie zeigen, dass die Digitalisierung kein Sprint ist, sondern ein Marathon.

Was hat den Durchbruch des elektronischen Arztbriefs ermöglicht? Mehrere Faktoren. Erstens: die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Die Politik hat die Einführung des elektronischen Arztbriefs vorangetrieben und Anreize geschaffen. Zweitens: die Zuverlässigkeit der Technik. Der elektronische Arztbrief funktioniert inzwischen zuverlässig, und das hat die Akzeptanz erhöht [4]. Drittens: die Bereitschaft der Praxen, sich anzupassen. Die 87 Prozent zeigen, dass die Mehrheit der Praxen den elektronischen Arztbrief inzwischen als Standard betrachtet [4][5].

Was lässt sich daraus für andere Digitalisierungsprojekte lernen? Zunächst: Geduld. Nicht jede Anwendung wird so schnell akzeptiert wie der elektronische Arztbrief. Die eAU nutzen 78 Prozent der Praxen, das eRezept 77 Prozent [4] - auch das sind beachtliche Zahlen, aber sie zeigen, dass die Einführung Zeit braucht. Und dann: Verlässlichkeit. Digitale Anwendungen müssen funktionieren, sonst sinkt die Akzeptanz. Das ist eine Botschaft an die Hersteller von Praxissoftware ebenso wie an die Politik.

Für die einzelne Praxis bedeutet das: Sie sollte nicht auf den großen Wurf warten, sondern in kleinen Schritten vorangehen. Jede digitale Anwendung, die zuverlässig läuft, ist ein Gewinn - für die Praxis, für das Team und für die Patienten. Und jeder Erfolg stärkt das Vertrauen in die Digitalisierung insgesamt. Der elektronische Arztbrief ist der Beweis: Wenn die Rahmenbedingungen stimmen und die Technik funktioniert, dann sind die Praxen durchaus bereit, den Weg mitzugehen.

Die wirtschaftliche Perspektive: Warum Digitalisierung sich rechnet

Die Digitalisierung ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch eine Frage der Ökonomie. Die Hälfte der Ärzte (50 Prozent) verbindet mit der Digitalisierung eine Senkung der Kosten für das Gesundheitssystem [2]. Das ist eine realistische Einschätzung. Digitale Prozesse sind in der Regel günstiger als analoge - sie sparen Zeit, Papier und Portokosten. Und sie reduzieren Fehlerquellen, die teuer werden können.

Für die einzelne Praxis bedeutet das: Die Digitalisierung ist keine Kostenfalle, sondern eine Investition. Wer in moderne Software, in Schulungen und in digitale Prozesse investiert, spart langfristig Geld und Zeit. Das gilt besonders für den Bereich der Verwaltung. Ein digitaler Empfang, der Patienten automatisch eincheckt, spart Personalstunden. Eine Online-Terminbuchung reduziert das Telefonaufkommen. Und der elektronische Arztbrief spart das lästige Faxen.

Die wirtschaftliche Rechnung wird noch deutlicher, wenn man die Patientenseite betrachtet. Die 64 Prozent, die schon einmal auf einen Termin verzichtet haben, weil die Suche zu schwierig war [7], sind potenzielle Einnahmen, die der Praxis entgehen. Jeder Patient, der nicht kommt, weil er keinen Termin findet, ist ein Verlust - nicht nur für die Gesundheit des Patienten, sondern auch für die Praxis. Wer digitale Zugänge bietet, reduziert dieses Risiko und sichert sich einen Wettbewerbsvorteil.

Allerdings: Die Digitalisierung ist kein Selbstläufer. Sie erfordert Investitionen, und sie erfordert Veränderungen im Alltag. Wer sie nur halbherzig umsetzt, wird die Vorteile nicht spüren. Wer sie aber konsequent angeht, wird feststellen: Die Digitalisierung rechnet sich - für die Praxis, für das Team und für die Patienten.

Chancen und Risiken: Warum die Haltung über den Erfolg entscheidet

Die Ärzteschaft ist gespalten, wenn es um die Digitalisierung geht. Das zeigen die Zahlen des Bitkom und Hartmannbund deutlich: Während 86 Prozent der Klinik-Ärzte in der Digitalisierung primär Chancen sehen, sind es bei den Praxis-Ärzten nur 53 Prozent - und 39 Prozent sehen primär Risiken [3]. Diese Spaltung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis unterschiedlicher Erfahrungen. Klinik-Ärzte haben oft bessere IT-Ausstattung und mehr Unterstützung. Praxis-Ärzte müssen die Digitalisierung oft allein stemmen.

Diese unterschiedlichen Perspektiven prägen auch die Haltung zur Digitalisierung. Wer Chancen sieht, ist bereit, sich anzustrengen und Hindernisse zu überwinden. Wer Risiken sieht, ist eher geneigt, beim Bewährten zu bleiben und Neuerungen zu vermeiden. Das ist menschlich verständlich, aber es ist auch eine Frage der Perspektive. Die Digitalisierung ist kein Risiko, sondern eine Notwendigkeit. Wer sie ignoriert, riskiert, den Anschluss zu verlieren.

Die gute Nachricht: Die Haltung ist nicht in Stein gemeißelt. Sie kann sich ändern - durch positive Erfahrungen, durch gute Beispiele und durch Unterstützung. Die 76 Prozent der Ärztinnen und Ärzte, die die Digitalisierung grundsätzlich als Chance für die Medizin sehen [2], zeigen: Die Grundstimmung ist positiv. Es fehlt oft nur an der praktischen Unterstützung, um die Chancen auch zu nutzen.

Für die Praxis bedeutet das: Sie sollte die Chancen der Digitalisierung in den Vordergrund stellen und die Risiken aktiv managen. Statt sich von möglichen Problemen abschrecken zu lassen, sollte sie Lösungen suchen. Statt auf den großen Wurf zu warten, sollte sie in kleinen Schritten vorangehen. Und statt die Digitalisierung als Belastung zu sehen, sollte sie sie als Chance begreifen - für die eigene Praxis, für das Team und für die Patienten.

Digitale Anwendungen: Was 2026 Standard ist und was noch fehlt

Der Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt: Einige digitale Anwendungen sind inzwischen Standard in der Arztpraxis. Der elektronische Arztbrief wird von 87 Prozent der Praxen genutzt [4][5], die eAU von 78 Prozent und das eRezept von 77 Prozent [4]. Das sind beachtliche Zahlen, die zeigen, dass die Digitalisierung in den Praxen angekommen ist. Aber sie zeigen auch, was noch fehlt.

Da ist zum einen die Kommunikation mit den Krankenhäusern. Nur zwölf Prozent der Praxen kommunizieren überwiegend digital mit Kliniken [4]. Das ist ein massives Defizit, das sich nicht allein durch die Praxen beheben lässt. Da ist zum anderen der digitale Entlassbrief: Obwohl 85 Prozent der Praxen einen hohen Nutzen darin sehen, erhalten ihn nur 15 Prozent tatsächlich digital [4]. Hier klafft eine große Lücke zwischen Erwartung und Realität.

Und da sind die Bereiche, die über die Grundversorgung hinausgehen: die Online-Terminbuchung, der digitale Empfang, die KI-gestützte Diagnostik. Diese Anwendungen sind in vielen Praxen noch Zukunftsmusik, obwohl sie das Potenzial haben, den Praxisalltag deutlich zu erleichtern. Die 37,6 Prozent aktiven KI-Anwender [8] zeigen: Es gibt bereits Vorreiter, aber die Mehrheit der Praxen ist noch nicht so weit.

Für die Praxis bedeutet das: Sie sollte die Standards nutzen, die zuverlässig funktionieren - den elektronischen Arztbrief, die eAU, das eRezept. Und sie sollte die nächsten Schritte vorbereiten - die Online-Terminbuchung, den digitalen Empfang, die KI-Unterstützung. Wer jetzt investiert, ist für die Zukunft gerüstet. Wer wartet, riskiert, den Anschluss zu verlieren.

Der Weg nach vorn: Drei Strategien, um den Graben zu überwinden

Wie kann eine Praxis den Graben zwischen Wollen und Können konkret überwinden? Die Antwort ist nicht pauschal, aber es gibt Strategien, die sich bewährt haben. Die erste Strategie lautet: Priorisieren. Nicht jede digitale Anwendung ist gleich wichtig. Die Praxis sollte sich auf die Anwendungen konzentrieren, die den größten Nutzen bringen - und die zuverlässig funktionieren. Der elektronische Arztbrief ist so ein Beispiel. Die eAU ist ein anderes. Diese Anwendungen sind Standard, und sie funktionieren.

Die zweite Strategie lautet: Das Team mitnehmen. Die Digitalisierung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Die Praxisleitung sollte das Team frühzeitig einbinden, schulen und motivieren. Statt das Team mit Neuerungen zu überfordern, sollte sie in kleinen Schritten vorgehen. Jeder Erfolg stärkt das Vertrauen in die Technik und motiviert für den nächsten Schritt. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht - aber er zahlt sich aus.

Die dritte Strategie lautet: Geduld haben. Die Digitalisierung ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Der elektronische Arztbrief hat sieben Jahre gebraucht, um von 13 auf 87 Prozent zu kommen [4][5]. Andere Anwendungen werden ähnlich lange brauchen. Die Praxis sollte sich nicht entmutigen lassen, wenn nicht alles sofort funktioniert. Sie sollte dranbleiben, aus Fehlern lernen und die Erfolge feiern. So wird aus dem Graben zwischen Wollen und Können eine Brücke - Schritt für Schritt.

Worauf es bei der Wahl der Digitalisierungsstrategie ankommt

Die Wahl der richtigen Digitalisierungsstrategie hängt von mehreren Faktoren ab. Der erste Faktor ist die Ausgangslage der Praxis. Wie digital ist die Praxis bereits aufgestellt? Welche Anwendungen werden bereits genutzt? Wo liegen die größten Baustellen? Eine Praxis, die den elektronischen Arztbrief bereits nutzt, steht anders da als eine Praxis, die noch am Anfang steht. Die Strategie muss zur Ausgangslage passen.

Der zweite Faktor ist das Team. Wie steht das Team zur Digitalisierung? Welche Kompetenzen sind vorhanden? Wo braucht es Unterstützung? Die Strategie muss das Team mitnehmen, sonst scheitert sie. Der dritte Faktor ist die Patientenschaft. Welche Erwartungen haben die Patienten? Welche digitalen Zugänge wünschen sie sich? Die Strategie muss die Bedürfnisse der Patienten berücksichtigen, sonst verfehlt sie ihr Ziel.

Und schließlich: die Ressourcen. Wie viel Zeit und Geld kann die Praxis in die Digitalisierung investieren? Die Strategie muss realistisch sein, sonst überfordert sie die Praxis. Es ist besser, in kleinen Schritten voranzugehen und Erfolge zu erzielen, als einen großen Wurf zu planen und zu scheitern.

Die gute Nachricht: Es gibt nicht die eine richtige Strategie. Jede Praxis muss ihren eigenen Weg finden. Aber es gibt Prinzipien, die sich bewährt haben: Priorisieren, das Team mitnehmen, geduldig sein. Wer diese Prinzipien beachtet, wird den Graben zwischen Wollen und Können überwinden - und die Digitalisierung als Chance nutzen, die sie ist.

Häufige Fehler beim Digitalisierungsprozess in der Arztpraxis

Ein häufiger Fehler ist die Überforderung. Viele Praxen versuchen, zu viele Neuerungen auf einmal einzuführen. Sie bestellen neue Software, schulen das Team und erwarten, dass alles sofort funktioniert. Das führt zu Frustration und Rückschlägen. Besser ist es, in kleinen Schritten vorzugehen und jeden Schritt zu verinnerlichen, bevor der nächste kommt.

Ein zweiter Fehler ist die fehlende Einbindung des Teams. Die Praxisleitung entscheidet, das Team muss umsetzen. Wenn das Team nicht mitgenommen wird, leistet es Widerstand - bewusst oder unbewusst. Die Lösung: Das Team frühzeitig einbinden, schulen und motivieren. Nur wer die Werkzeuge beherrscht, kann sie auch nutzen.

Ein dritter Fehler ist die falsche Erwartungshaltung. Viele Praxen erwarten, dass die Digitalisierung sofort Zeit spart. Aber die Umstellung kostet zunächst Zeit. Der elektronische Arztbrief hat Jahre gebraucht, um zum Standard zu werden [4][5]. Wer sofortige Ergebnisse erwartet, wird enttäuscht. Wer geduldig ist, wird belohnt.

Und schließlich: der Fehler, die Digitalisierung als Selbstzweck zu sehen. Digitale Anwendungen sind Werkzeuge, keine Ziele. Sie sollen die Versorgung verbessern, Zeit sparen und die Praxis voranbringen. Wer sie als Selbstzweck betreibt, verliert das eigentliche Ziel aus den Augen. Wer sie als Werkzeug nutzt, wird ihren Wert erkennen.

Empfehlung je Ausgangslage: So findet die Praxis ihren Weg

Für Praxen, die am Anfang der Digitalisierung stehen, gilt: Beginnen Sie mit den Standards. Führen Sie den elektronischen Arztbrief ein, die eAU und das eRezept. Diese Anwendungen sind ausgereift und werden von der Mehrheit der Praxen genutzt [4][5]. Sie schaffen eine solide Basis für weitere Schritte.

Für Praxen, die bereits digitale Standards nutzen, gilt: Erweitern Sie Ihre digitalen Prozesse. Führen Sie die Online-Terminbuchung ein, digitalisieren Sie den Empfang, testen Sie KI-Anwendungen. Diese Schritte sind anspruchsvoller, aber sie bieten großes Potenzial. Die 37,6 Prozent aktiven KI-Anwender [8] zeigen: Es gibt bereits Vorreiter, die diesen Weg gehen.

Für Praxen, die bereits weit fortgeschritten sind, gilt: Werden Sie zum Vorbild. Teilen Sie Ihre Erfahrungen, unterstützen Sie andere Praxen, treiben Sie die Digitalisierung in Ihrer Region voran. Je mehr Praxen digitalisieren, desto besser für alle - für die Praxen, für die Patienten und für das Gesundheitssystem insgesamt.

Und für alle Praxen gilt: Bleiben Sie dran. Die Digitalisierung ist ein kontinuierlicher Prozess. Wer stehen bleibt, fällt zurück. Wer vorangeht, bleibt vorn. Der Graben zwischen Wollen und Können ist überwindbar - mit Geduld, mit Engagement und mit der richtigen Strategie.

Fazit: Der Graben ist überwindbar

Die Digitalisierung in der Arztpraxis ist kein Zukunftsthema mehr, sondern eine Standortfrage. Die Zahlen des PraxisBarometer Digitalisierung 2025 zeigen: Die Praxen machen Fortschritte, aber es gibt noch viel zu tun [4]. Der Graben zwischen Wollen und Können ist real, aber er ist überwindbar. Wer die Digitalisierung als Chance begreift, sein Team mitnimmt und geduldig vorangeht, wird den Graben überwinden - und die Digitalisierung als das nutzen, was sie ist: ein Werkzeug für eine bessere Versorgung.